Home - Religionskritik
Theodizee   -  Der Fels des Atheismus ?
Die Erfahrung des Leidens hat immer wieder atheistische Tendenzen wachgerufen.

 
Das Erdbeben von Lissabon (1755) war für viele aufgeklärte Denker ein zentraler Anstoß auch die Frage nach Gott neu zu stellen. Die Güte Gottes war "einigermaßen verdächtig geworden" (Goethe, 1749-1832).
Die millionenfache Vernichtung menschlichen Lebens in Auschwitz hat Mitte des letzten Jahrhunderts den Gottesglauben erschüttert und auch heute macht tägliches Leid die Antwort auf die Frage, "wie kann Gott das zulassen" nicht einfach.

Aufgabenstellungen

  • Freiheit des Menschen vs. Allmacht und Güte Gottes?
  • Warum hat Gott, wenn er der Schöpfer ist, keine bessere Welt geschaffen? 
  • Leben wir trotzdem in der besten aller Welten?
  • Muss die Frage nach dem Leid offen bleiben?

  Zum Einstieg
Das Erdbeben von Lissabon und der Tsunami 2004 (Sonntagsblatt 9.01.2005)
Ist Gott allmächtig (Chrismon - Religion für Einsteiger)
Zusammenfassung des Theodizeeproblems und seiner Lösungsmöglichkeiten (Wikipedia)
Das Buch Hiob - eine Antwort auf die Frage nach dem Leid?
Gottes tolle Typen - Hiob (EKD)
Interview mit Hiob (Sonntagsblatt)
 

  Philosophische Positionen
N. Hoerster: Die Unlösbarkeit des Theodizeeproblems
Die Frage der Theodizee  -  Studienkolleg-Obermarchtal
 

  Theologische Positionen
Das Erdbeben von Lissabon und der Tsunami 2004 (Sonntagsblatt 9.01.2005)
Element der Hoffnung trotz des Leidens (Pannenberg)
Hans Küng: Sinnloses Leid nicht theoretisch verstehen, sondern vertrauend bestehen
Gottes tolle Typen - Hiob (EKD)
 

  Weitere Positionen
Ein literarischer Text: Wolfgang Borchert (1921-1947) -  "Draußen vor der Tür"
 

  Unterrichtsmaterialien
Umfangreiche Unterrichtsmaterialien zur Theodizeefrage (RPI-virtuell)
 

Zu Hiob (EKD - Gottes tolle Typen)

"Ende gut, alles gut? 
Für viele ist die Hiobsgeschichte eine Parabel von dem Gott, der Menschen eine Chance gibt, sich in Prüfungen zu bewähren. Ihr Ausgang kann nicht übertünchen, dass das Gottesbild des Buches Hiob ein Rückschritt hinter den Gott der Propheten Israels ist, zu dessen besonderen Merkmalen Recht und Gerechtigkeit gehörten und der eher aus dem Leid befreite, als dass er es verschuldete. "Dieser Gott zwingt zur Gottlosigkeit”, schreibt der Theologe Jörg Zink, "und wenn Hiob ihr nicht verfällt, so liegt es daran, dass er eine dichterische Figur, ein gedichtetes Urbild übermenschlichen Stehvermögens ist.”



Der Religionskritiker und Atheist J. Kahl

"...Der empirische Beweis zielt auf den unerlösten, elenden Zustand der Welt, das herzzerreißende, unschuldige Leiden und Sterben von Tier und Mensch, die mit dem Glauben an einen zugleich allgütigen, allwissenden, allwirksamen und allmächtigen Gott nicht vereinbar sind. Der Atheismus findet seine eigentliche Begründung in der Wirklichkeit selbst, in der blut- und tränengetränkten Geschichte des Tier- und Menschenreiches. Wie kann ein angeblich liebender Gott, bei dem kein Ding unmöglich ist, die Lebewesen, die er doch geschaffen hat, so unsäglich leiden lassen? Entweder er ist nicht allmächtig und kann die Leiden nicht verhindern, oder er ist nicht allgütig und will die Leiden nicht verhindern. 

Auf diese Zwickmühle innerhalb des Gottesglaubens hat erstmals der griechische Philosoph Epikur um 300 vor unserer Zeitrechnung in aller begrifflichen Klarheit aufmerksam gemacht.

An Epikurs Religionskritik anknüpfend hat viel später der deutsche Dichter Georg Büchner das Leiden eindrucksvoll als den "Fels des Atheismus" bezeichnet. In dem berühmten "Philosophengespräch" seines Dramas "Dantons Tod" heißt es: "Schafft das Unvollkommene weg, dann allein könnt Ihr Gott demonstrieren ... Man kann das Böse leugnen, aber nicht den Schmerz ... Warum leide ich? Das ist der Fels des Atheismus. Das leiseste Zucken des Schmerzes, und rege es sich in einem Atom, macht einen Riss in der Schöpfung von oben bis unten." (J. Kahl)



 

Der amerikanische Physik-Nobelpreisträger Steven Weinberg formuliert es so:
(aus: "Bild der Wissenschaft" 12/1999)

"Es wäre ein überzeugenderer Hinweis auf einen gütigen Schöpfer, wenn das Leben besser wäre, als wir es erwarten können ... Mein Leben war bemerkenswert glücklich und liegt wahrscheinlich bei 99,99 in einer 100er-Skala menschlichen Glücks. Doch ich musste zuschauen, wie meine Mutter unter Schmerzen an Krebs starb, die Persönlichkeit meines Vaters durch die Alzheimer-Krankheit zerfiel und zahlreiche entferntere Verwandte im Holocaust ermordet wurden. Die Anzeichen eines gütigen Schöpfers sind ziemlich gut versteckt. Das Böse und das Leid haben schon immer jene beschäftigt, die an einen gütigen und allmächtigen Gott glauben. Manchmal wird Gott durch die Notwendigkeit des freien Willens der Menschen entschuldigt. Aber es erscheint für meine Verwandten etwas unfair, ermordet zu werden, damit Deutsche eine Gelegenheit für ihren freien Willen hatten.

Davon abgesehen: Wie erklärt der freie Wille den Krebs? Braucht ein Tumor ebenfalls einen Spielraum für seinen freien Willen? Ich halte es hier nicht für nötig zu begründen, warum das Böse in der Welt beweist, dass das Universum nicht geschaffen wurde, sondern nur, dass es keine Anzeichen von Güte gibt, die die Handschrift eines Schöpfers zeigen. Die Sichtweise, Gott könne nicht gütig sein, ist schon alt. Die antiken Tragödien machen klar, dass die Götter selbstsüchtig und brutal sind, obwohl sie ein besseres Verhalten von Menschen erwarten. Der Gott des Alten Testaments fordert, dass wir das Leben unserer Kinder auf sein Geheiß hin opfern, und der Gott des traditionellen Christentums verdammt uns in alle Ewigkeit, wenn wir Ihn nicht in der rechten Weise verehren. Ist dies eine nette Art, sich zu benehmen? Ich weiß ja, wir dürfen Gott nicht nach menschlichen Maßstäben messen. 

Aber welche anderen Maßstäbe können wir denn anlegen, wenn wir nicht bereits von Seiner Existenz überzeugt sind und nach Anzeichen Seiner Güte suchen? Religion hat manches Gute in der Welt bewirkt, aber insgesamt sind ihre Folgen furchtbar. Meine persönliche Ansicht ist: Mit oder ohne Religion werden sich gute Menschen gut verhalten und schlechte Menschen werden Böses tun. Doch der Beitrag der Religion in der Geschichte war, es guten Menschen zu erlauben, Böses zu tun. Eine der größten Errungenschaften der Wissenschaft ist nicht, es intelligenten Leuten unmöglich zu machen, religiös zu sein, sondern es ihnen zumindest zu ermöglichen, nicht religiös zu sein. Dahinter sollten wir nicht zurückfallen."


zurück
Übersicht - Religionskritik
Religionskritik - Übersicht