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 Antworten christlicher Theologie

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Wolfhardt Pannenberg
(geb.1928, Professor für Systematische Theologie) 
setzt sich in seinem Text mit den Hauptströmungen der modernen Religionskritik auseinander.

 
Wie kann heute glaubwürdig von Gott geredet werden ?
Argumente gegen drei Hauptströme des Atheismus
 

1.
Die Behauptung, dass religiöse Vorstellungen, auch die der Bibel, Projektionen des menschlichen Geistes darstellen und nicht einfach eine dem Menschen begegnende Wirklichkeit benennen, braucht keinen atheistischen Charakter zu haben. Für viele neuzeitliche Theorien des Erkennens hat alle Erfahrung und alles Denken der Menschen die Form schöpferischen Entwerfens, also den Charakter von Projektionen, nicht den einer bloß passiven Hinnahme vorgegebener Daten. Der Entwurfcharakter aller geistigen Akte schließt dabei keineswegs aus, dass sich Erkenntnis auf außermenschliche Wirklichkeit beziehen und diese auch treffen kann. Wenn mit dem Begriff Projektion kein Vorurteil gegen einen entsprechenden Realitätsbezug religiöser Erfahrung verbunden wäre, brauchte die Kennzeichnung des Redens von Gott als Projektion nicht prinzipiell verworfen zu werden....

Das hat einen sehr einfachen Grund: Die Menschen aller alten Kulturen haben ihre Welt und vor allem sich selbst erst im Lichte der göttlichen Wirklichkeit, derer sie gewahr wurden, verstanden. Die Geschichte des Selbstverständnisses der Menschen ist eine Funktion der Religionsgeschichte der Menschheit. Ein religiös neutrales, profanes Selbstverständnis des Menschen ist dagegen ein Spätprodukt der Menschheitsgeschichte. Darum kann es nicht ohne weiteres als Ausgangspunkt für eine psychologische Erklärung der Religion benutzt werden. 

Ein solcher Anachronismus liegt jedoch überall da vor, wo religiöse Erfahrungen und Vorstellungen fundamental als Übertragung profaner menschlicher Selbsterfahrung auf ein illusionäres Schemen gedeutet werden. Die dabei vorausgesetzte profane Selbsterfahrung der Menschen hat es in den Ursprüngen keiner der alten Kulturen gegeben. Daran vor allem scheitert jede Theorie, die die religiösen Überlieferungen der Menschheit als illusionäres Spiegelbild der Menschen selbst erklären will. Religion kommt nicht derart sekundär zum Menschsein des Menschen hinzu. Vielmehr scheint Religion von Anfang an für den Menschen ebenso charakteristisch gewesen zu sein wie der Gebrauch von Feuer und Werkzeugen und die Fähigkeit zur Sprache. Ihr kommt derselbe fundamentale, die Sonderstellung des Menschen unter den höheren Tieren begründende Rang zu wie jenen anderen Merkmalen menschlichen Verhaltens. Die innere Geschichte der Menschheit, der Weg des Menschen zum Verständnis seiner selbst, war von Stufe zu Stufe abhängig von den Veränderungen der religiösen Erfahrung, die jeweils alle sonstige Erfahrung der Menschen und deren Veränderungen in sich zusammenfasste. . .

 

2.
Das zweite atheistische Argument kann man als moralisches Argument gegen die Existenz Gottes bezeichnen. Auf den ersten Blick wirkt es überzeugend, dass das Übermaß des Leides und die Macht des Bösen in der Welt unvereinbar sind mit der Wirklichkeit eines zugleich allmächtigen und liebevollen Gottes.

Dieser Eindruck drängt sich nahezu unabweisbar auf, wenn man Gott als den Schöpfer einer anfänglich vollkommenen Welt denkt, in der dann nachträglich das Böse eingerissen wäre. Die Theologen sind nicht unschuldig daran, dass unter diesem Gesichtspunkt der von Jesus verkündete Gott der väterlichen Liebe immer wieder die steinernen Züge eines Schreckensantlitzes angenommen hat, das ohne Not Leiden und Verzweiflung über die angeblich geliebte Menschheit verhängt. Aber vielleicht hat die Theologie hier die mythische Denkform der Erzählungen von Schöpfung und Sündenfall nicht genügend berücksichtigt und darum Schlüsse aus ihr gezogen, die ihren Sinn verkehren? Vielleicht hat die Theologie in einer allzu abstrakten Weise von der Allmacht Gottes gesprochen, nämlich ohne Rücksicht auf die Kämpfe der Geschichte? 

Es kommt auf den Ausgangspunkt an, auf die Erfahrungsgrundlage, von der her das Bekenntnis zur Allmacht Gottes und zur Abhängigkeit aller Dinge von ihm als ihrem Schöpfer gesprochen wird. Diese Erfahrungsgrundlage aber existiert nicht jenseits der Kämpfe der Geschichte, in der die Wirklichkeit Gottes noch strittig ist.

Es ist die Erfahrung einer Welt, in der das Reich Gottes, die Herrschaft Gottes noch nicht endgültig in Erscheinung getreten ist. In dieser Welt des Kampfes gegen das Leid, gegen die Sinnlosigkeit und gegen das Böse ist Gott die äußerste, die stärkste Macht, mit der der Mensch sich verbinden kann, selbst da noch, wo er allem Anschein nach hoffnungslos unterliegt. So gesehen ist Gott nicht widerlegt durch das Übel in der Welt. Im Gegenteil, das Vertrauen auf seine Wirklichkeit ist das Letzte und Äußerste, was der Mensch der Hoffnungslosigkeit und dem Tod entgegenzusetzen hat. Gott ist die Kraft der Hoffnung gegen alle Hoffnung. Und das Bekenntnis zu seiner Allmacht, das Bekenntnis zu ihm als dem Schöpfer aller Dinge ist nicht einfach Feststellung von etwas, was unbestreitbar vorhanden wäre, sondern Ausdruck der Hoffnung und des Vertrauens auf die Übermacht der göttlichen Liebe über alles Grauen und alle Absurdität dieser Welt, ja auch über den Tod...


 

3.
Das dritte und vielleicht entscheidende Motiv atheistischer Kritik ist die angebliche Gefährdung der menschlichen Freiheit durch den Gottesgedanken. Man sagt, der Gedanke eines ewigen und allmächtigen Herrschers der Welt schließe aus, dass irgend etwas in der Welt geschehe, was nicht von Ewigkeit her von Gott vorhergesehen und vorherbestimmt wäre. Daher bedeute die Annahme Gottes die Unmöglichkeit der Freiheit, und umgekehrt: die Erfahrung der Freiheit schließe die Existenz eines Gottes aus. Wieder muss zugestanden werden, dass die Theologie selbst durch irreführende Denkgewohnheiten diese Argumentation ermöglicht hat.

Doch wird nur die theologische Reflexionsform von der Kritik des Atheismus getroffen, nicht der Gott der christlichen Glaubenserfahrung selbst: Dieser Gott ist der Ursprung der Freiheit, nicht ihr Feind. Das ist der christlichen Theologie immer bewusst gewesen, wenn sie sich dem erlösenden Handeln Gottes zuwendete. Hier erweist sich Gott als die den Menschen aus aller Gebundenheit zu sich selbst befreiende Macht. Freiheit hat ja niemand aus sich selbst. Sie muss immer wieder neu geschenkt werden; denn Freiheit besteht gerade im Hinausgehen über das, was sowieso schon ist, auch über das, was wir selbst je schon sind. Die christliche Theologie hat, wie gesagt, immer etwas davon gewusst, dass Gott die zur Freiheit erlösende Macht ist. Aber sie hat sich dieses Motiv verdecken lassen von den vermeintlichen Konsequenzen, zu denen sich die Theologen gedrängt fühlten durch den Gedanken der Ewigkeit Gottes.
Ein ewiger Gott, so meinte man, müsse auch unveränderlich derselbe sein, und also müsse er am Anfang der Schöpfung schon derselbe sein wie an ihrem Ende, von Anfang an allmächtig und allwissend den Lauf aller Dinge lenken. Dadurch erschien Gott, obwohl er doch als Erlöser der Menschen die Freiheit allererst ermöglicht, als ihr Feind. Wäre umgekehrt Gott als der Ursprung der menschlichen Freiheit gedacht worden, dann hätte er nicht zugleich als ein wie die Dinge der Welt vorhandenes Wesen gedacht werden können. Er hätte als die Zukunft des guten und des wahren Glückes gedacht werden müssen, deren Fülle in der Welt immer noch unverwirklicht ist, von ihr her oft unwahrscheinlich erscheinen muss und höchstens in Andeutungen und Gleichnissen anbricht. Dieser Zukunft ist die Sehnsucht nach Freiheit zugewandt, weil sie allein Ursprung der Freiheit werden kann.

Die traditionelle christliche Gotteslehre wird an dieser Stelle von der atheistischen Kritik hart getroffen, ebenso wie der klassische philosophische Theismus , dem die Theologie sich verbunden hatte. Aber der ursprüngliche christliche Gottesgedanke, wie er in der Botschaft Jesu von der kommenden Herrschaft Gottes und von ihrem Anbruch in Gottes jetzt schon befreiender Liebe beschlossen ist, wird dadurch nicht zerstört, sondern eher freigelegt. Die atheistische Kritik kann an dieser Stelle der Theologie dazu verhelfen, die Eigentümlichkeit des christlichen Glaubens an die befreiende Macht der göttlichen Liebe besser zu verstehen, als es in früheren Epochen geschah, in denen man den Gott der Bibel allzu unproblematisch in den Formeln der philosophischen Gotteslehre der Antike wiederzuerkennen glaubte. Gott als den Ursprung der Freiheit verstehen, das heißt, ihn zusammen mit der Freiheit des Menschen der vorhandenen Welt entgegensetzen. Als Ursprung der Freiheit kann Gott nicht ein in der Welt oder hinter ihr vorhandenes Wesen sein. Die Theologie muss ganz neu den Sinn der Botschaft Jesu verstehen lernen, dass die Herrschaft Gottes noch im Kommen ist. Das heißt, dass Gott selbst noch im Kommen ist und nur als der Kommende, als Zukunft dieser Welt schon in ihr gegenwärtig wird. So - als der Kommende - wird Gott auch als Ursprung der Freiheit verstehbar: Er erhebt den Menschen über das Vorhandene, befreit ihn von der Gebundenheit an das System der bestehenden Welt. Und doch wendet er den Menschen der vorhandenen Welt wieder zu, so wie er selbst in seinem Kommen sich der Welt zuwendet und schon jetzt in ihr gegenwärtig wird als der Kommende. In dieser Zuwendung zur Welt hat Jesus die Liebe Gottes erkannt, weil dadurch schon der gegenwärtigen Welt Gemeinschaft mit Gott, mit der sie übersteigenden endgültigen Wirklichkeit eröffnet wird. Das geschieht im Geschenk der Freiheit, in jedem Augenblick, da ein Mensch hinauswächst über das, was er bis dahin war, und fähig wird, sich in neuer Weise der Welt zuzuwenden.

Dass Gott Ursprung und Schutzmacht der Freiheit ist, das ist das letzte und stärkste Argument des Glaubens gegen den Atheismus. ...Denn im Akt seiner Freiheit wird der Mensch eins mit sich selbst, mit seiner Bestimmung. Darum ist die Geschichte der Menschheit, soweit es den Menschen in ihrer Geschichte um sich selbst geht, eine Geschichte des Kampfes um Freiheit. Und gerade darin ist sie Religionsgeschichte. Der Gott, der der Ursprung der Freiheit ist -  und allein dieser -, ist nicht ein Geschöpf des Menschen, sondern ein Schöpfer. Er allein vermag dem Menschen mit seiner Freiheit auch seine Würde zu bewahren und wiederzugeben inmitten von Unglück und eigenem Versagen, von Verrat und Erniedrigung. Darum ist er - noch im Scheitern unserer Auswege, im Versagen unserer Anstrengungen - den Menschen verbunden als die große Gegenmacht gegen Unrecht, Leiden und Tod.
 



Aus: Deutscher Evangelischer Kirchentag 1969. Dokumente.
Stuutgart 1970 (Kreuz Verlag), S.146-50

 
Religionskritik - ‹bersicht

Aufgaben:

1.
Fassen sie kurz die drei  von Pannenberg dargelegten Argumentationen gegen den Gottesgedanken zusammen!

2.
Mit welchen Argumenten versucht er, sie zu relativieren bzw. zu widerlegen?

3.
Setzen sie sich mit zwei dieser Argumentationen ausführlicher auseinander und beziehen sie selbst Stellung zu der jeweiligen Frage!
(Gehen sie dabei auch auf die im Kurs angesprochenen Religionskritiker ein, auf die Pannenberg sich bezieht)


 
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