Hirntod - Überblick
Kritik der Hirntodkonzeption

Im Mittelpunkt kritischer Auseinandersetzungen steht immer die Hirntodkonzeption bzw. die damit verbundene Frage des Sterbeprozesses. Wenngleich unumstritten ist, dass der Hirntod irreversibel ist, ist es keineswegs eindeutig, dass der Hirntod mit dem Tod des Menschen gleichzusetzen ist.


 

Leichen bekommen kein Fieber
Edzard Schmidt-Jortzig und Eckart von Klaeden (1997)
 

Argumente gegen die Hirntodkonzeption
M. Knoche (1996)
 

Zur Geschichte des "Hirntod"- Kriteriums
J.Hoff/J. in der Schmitten

Organtransplantation - Eine Anfrage an unser Verständnis von Sterben, Tod und Auferstehung.
Zugleich eine Kritik der Schrift der Kirchen.
Zusammenfassung eines Textes von Klaus- Peter Jörns
 

Wissenschaftler für ein verfassungsgemäßes Transplantationsgesetz
Gegen die Gleichsetzung hirntoter Patienten mit Leichen (Mai 1995)
 
 
 


 

 
 
Leichen bekommen kein Fieber
von  Edzard Schmidt-Jortzig und Eckart von Klaeden

Frankfurter Allgemeinen Zeitung  13. Mai 1997
 

Im Zentrum der öffentlichen Diskussion eines Transplantationsgesetzes steht die Frage, welche Rolle es dem endgültigen, nicht behebbaren Ausfall der gesamten Hirnfunktion ("Hirntod") zuweisen soll. Einigkeit besteht, dass nach seinem Eintritt die Entnahme des Herzens, der Lungen, der Leber, beider Nieren, der Bauchspeicheldrüse und des gesamten Darms möglich sein soll. Die Aufnahme von diesbezüglichen Entnahmekriterien in ein Transplantationsgesetz befürworten daher alle dem Bundestag vorliegenden Anträge.
Darüber hinaus wird in dem Antrag der Abgeordneten Seehofer, Dreßler und andere gefordert, den endgültigen, nicht behebbaren Ausfall der gesamten Hirnfunktionen als sicheres Zeichen des eingetretenen Todes des Menschen festzulegen. Das ist indessen nur geboten, wenn man daraus Erleichterung bei den Entnahmekriterien herleiten will, wie sie beim Zugrundelegen des reinen "Herztodes” - endgültiger Ausfall des Kreislaufsystems - als maßgeblichen Zeitpunkt des Lebensendes nicht gewährt werden könnte.

Bisher kommt nicht nur die Transplantationsmedizin ohne eine gesetzliche Todesdefinition aus. Der Gesetzgeber hat aus gutem Grunde darauf zum Beispiel im Embryonenschutzgesetz, im Gentechnikgesetz oder im Rahmen der Lebensschutzdelikte des Strafrechtes verzichtet. Eine solche Definition setzt die Transplantationsmedizin zudem unnötigerweise dem Verdacht aus, an einer funktionalen Todesdefinition interessiert zu sein.

Wir halten eine solche Festlegung darüber hinaus wegen der bestehenden Zweifel für unvertretbar.
Die Befürworter einer solchen Festlegung stützen ihre Ansicht auf die beiden wesentlichen Funktionen des menschlichen Gehirns: Seine Steuerungs- bzw. Integrationsfunktion für den Organismus und seine Unabdingbarkeit für die Möglichkeit der bewussten Wahrnehmung, für die Geistigkeit des Menschen.

Die Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesärztekammer, der Philosophieprofessor Birnbacher, der Neurologe Angstwurm, der Chirurg Eigler und der Rechtsmediziner Wuermeling erläutern dazu: "Entsprechend der Natur des Menschen und jedes Säugetieres als Bewusstseins- und Körperwesen unterscheiden sich Leben und Tod durch Funktion und Funktionsverlust zweier Systeme: des Bewusstseins und des physischen Organismus. Der irreversible Funktionsverlust nur eines dieser Systeme reicht nicht aus, einen Menschen tot zu nennen. Ein Mensch im irreversiblen Koma ist nicht tot, weil und solange er als biologischer Organismus lebt."
Es trifft indessen - gottlob - nicht zu, wie mitunter behauptet wird, dass in der Medizin der Hirntod als maßgebliches Kriterium völlig unbestritten sei. Gerade eben erst ist diesem Eindruck etwa im Hastings Center Report umfassend und grundsätzlich entgegengetreten worden. Und ewta Gerhard Roth, der Leiter des Instituts für Hirnforschung der Universität Bremen, hat noch unter dem 15. April 1997 öffentlich dafür plädiert: "Der künstlich beatmete Hirntote ist keine Leiche.”

Der Göttinger Strafrechtler Schreiber hat in dieser Zeitung zurecht darauf hingewiesen, dass medizingeschichtlich die Feststellbarkeit und Separierung des Hirntodes als Fortschritt gegenüber der früher allein ausreichenden Feststellung des Herz- und Kreislauftods anzusehen ist. Daraus sogleich absolute Schlüsse ziehen zu wollen, verkennt jedoch, dass es gerade dieser intensivmedizinische Fortschritt ist, der seinerseits die Zweifel am Hirntodkriterium als sicheres Todeszeichen im besonderen hinsichtlich des irreversiblen Funktionsverlustes des physischen Organismus immer stärker werden lässt.
Besonders deutlich werden diese Zweifel am Beispiel der sog. Erlanger Schwangeren. Am 5. Oktober 1992 wurde die 19-jährige Marion Ploch in die Erlanger Universitätsklinik eingeliefert und drei Tage später aufgrund einer Hirntoddiagnose für tot erklärt. Weil sie schwanger war, projektierten die Ärzte mit großer Zuversicht eine sechsmonatige Intensivbehandlung bis zur Entbindung des Kindes. Dieser Versuch scheiterte nach fünf Wochen infolge eines spontanen Aborts. Es ist heute jedoch unbestritten, dass mehrere gleichartige Fälle zur Geburt gesunder Kinder geführt haben.
Doch ist es gerade im Falle von Marion Ploch dieser Abort, der die Hirntodthese radikal in Frage stellt. Der Philosoph Hans Jonas führt dazu aus: "Dass es ein 'Leichnam' sein soll, der da ein Fieber entwickelt, wenn in einem darin eingeschlossenen Organismus etwas schief geht, und das dies der Uterus einer 'Toten' sei, der dann die Kontraktionen vollführt, die das nun tote Kind ausstoßen - das ist doch ein offenbarer verbaler Unfug, ein semantischer Willkürakt im Dienst eines äußeren Zwecks (…). Der spontan abortierende Leib gab rückläufig und endgültig jedem Augenschein des rosig durchblutenden warmen Leibes recht, den die gelehrten Herrn uns archaischen Laien für trügerisch erklärten.”
Im Klartext: Leichen bekommen kein Fieber und tragen auch keine Kinder aus.

Der Erlanger Fall drängt den Eindruck auf, dass die Hirntodtheorie die Interaktion der verschiedenen Organsysteme, des Rückenmarks und der Hormone verkennt. Alle diese Systeme steuern in ihrem Zusammenwirken den Lebensablauf des Menschen. So ist der hirntote Körper unter anderem fähig zur Regulation der Körpertemperatur (z. B. durch Schwitzen), zum Stoffwechsel, zu Bewegungen, zur Regulation des Blutdrucks (der Blutdruck des Hirntoten steigt dramatisch an, wenn sein Körper zur Explantation geöffnet wird; ihm werden dann blutdrucksenkende Mittel zugeführt), bei männlichen Hirntoten zu Erektionen und bei weiblichen Hirntoten zur Geburt eines gesunden Kindes oder zur Abstoßung der Leibesfrucht, wenn diese abgestorben oder schwer geschädigt ist. Der Ausfall eines auch noch so wichtigen - Organs allein kann nicht mit dem Tod des gesamten Organismus gleichgesetzt werden, ohne die Komplexität des menschlichen Körpers zu verkennen.
Hier kommt es darauf an, das physische Sein des Menschen in seiner Vielgestaltigkeit ebenso wie seiner Ganzheitlichkeit anzuerkennen. Es bedarf ehrlicher Erfassung dieser Einmaligkeit als Gesamtschöpfung, um die nicht zur zivilisatorische und ethische, sondern konkret staatliche Pflicht zum Schutz des menschlichen Lebens umfassend zu erfüllen. Nicht von ungefähr thematisiert die Verfassung nirgends den Tod des Menschen. Umgekehrt vielmehr, konstruktiv und aktivierend, nimmt sie den Ansatz: "Jeder (Mensch) hat das Recht auf Leben.” (Artikel 2 Absatz 2 Satz 1 Grundgesetz (GG)).

Angesichts der besonderen Stellung des Schutzes der Menschenwürde und des menschlichen Lebens sowie des Grundsatzes des Bundesverfassungsgerichts, nach dem in Zweifelsfällen die Auslegung zu wählen ist, die die juristische Wirkungskraft am stärksten entfaltet, darf es daher nicht zu einer derartigen Todesdefinition im Transplantationsgesetz kommen.
Der Verzicht auf ein solches Todeskriterium ist auch deshalb nötig, weil Weiterungen Einhalt geboten werden muß, die sich schon jetzt im europäischen Ausland abzeichnen. Wer Hirntote für tot erklärt, entzieht ihnen damit den entscheidenden Teil ihres grundrechtlichen Schutzes. Das postmortale Persönlichkeitsrecht und das Recht der Leichensorge werden sie auf Dauer nicht vor absehbaren industriellen Versuchsbegehrlichkeiten schützen können.

Bedenklich ist aber auch eine andere Tendenz: Lässt sich die durch den Eintritt des Hirntodes zwar reduzierte Leistung des Organismus nicht mehr mit Sicherheit leugnen, entfällt das Argument des irreversiblen Funktionsverlustes des physischen Organismus.
Die Hirntodkonzeption wird allein auf den endgültigen Bewusstseinsverlust zurückgeworfen. Es fehlt damit an einem tauglichen Kriterium, z. B. Anenzephale (Säuglinge, denen ausgedehnte Teile des Gehirns fehlen) von Leichen zu unterscheiden. Denn dem Anenzephalen fehlt sein Bewusstsein ebenso endgültig wie dem Hirntoten. Der einzige wesentliche Unterschied zwischen dem Anenzephalen und dem Hirntoten besteht dann darin, dass der erstere noch nie über ein noch funktionierendes Gehirn verfügte, während der letztere zwar ein funktionierendes Gehirn hatte, dieses aber durch den Hirntod verlor. Küfner geht in seiner Dissertation zurecht davon aus, daß das Argument, dieser Unterscheid genüge, um den Anenzephalen als (noch) lebend, den Hirntoten dagegen als schon gestorben anzusehen, nicht zwingend ist.
Befürworter der Hirntodkonzeption befürchten nun, daß mit dem Verzicht auf eine verbindliche Todesdefinition jede Transplantation zwischen Hirntod und Herz- und Kreislaufzusammenbruch zu einer unerlaubten Tötungshandlung werde. Daneben werde der Weg zur aktiven Sterbehilfe eröffnet. Diese Sorgen verdienen Beachtung, greifen aber nicht durch.

Vermeidet der Gesetzgeber eine Todesdefinition, ist damit nicht die Entscheidung für eine der im übrigen unterschiedlichen Vorstellungen der Hirntodkritiker vom Ende des Lebens verbunden. Sie steht dem Gesetzgeber auch nicht zu.
Denn der Tod bedeutet das Ende des menschlichen Lebens, was er ist, muss also vom Leben her bestimmt werden (Schreiber). Der Düsseldorfer Verfassungsrechtler Sachs hat in der Anhörung des Rechtsausschusses dazu zutreffend festgestellt, dass die Frage, ob noch von "Leben” im Sinne des Artikels 2 Absatz 2 Satz 1 GG gesprochen werden könne, eine rein verfassungsrechtliche Frage ist. Durch die Verwendung des Begriffs "Leben” in der erwähnten Grundrechtsbestimmung liege dieser in seinem Bedeutungsgehalt verfassungsunmittelbar fest. Der Gesetzgeber besitze als Teil der grundrechtsgebundenen Staatsgewalt grundsätzlich keine Kompetenz zur sog. authentischen Interpretation der Verfassungsbegriffe. Auch eine Ermächtigung zur Regelung des Näheren, die eventuell eine definitorische Abgrenzungsmacht des Gesetzes einschließen könnte, kenne Artikel 2 Absatz 2 GG nicht.
Daraus ergibt sich, dass auch die Entnahmevoraussetzungen eines Transplantationsgesetzes sich an Artikel 2 Absatz 2 Satz 1 GG messen lassen müssen.
Entscheidend für die Vereinbarkeit mit Artikel 2 Absatz 2 Satz 1 GG ist die Zäsur, die der völlige und irreversible Hirnausfall im Sterbeprozess des Menschen darstellt. Diese Situation ist medizinisch so eindeutig von jedem anderen Zustand abgrenzbar und einmalig, dass die Gefahr einer Ausweitung auf andere Indikationen ausgeschlossen werden kann. Ein Indiz dafür ist ja gerade seine Annahme als sicheres Todeszeichen durch die Befürworter der Hirntodkonzeption. Als bloßes Entnahmekriterium erhält der Hirntod allerdings weder eine zweifelhafte metaphysische Dimension noch wird er zu einer gesetzlichen Novität.

Es ist unbestritten, dass jedenfalls mit dem Hirntod die Pflicht des Arztes zur Aufrechterhaltung der Herz-Kreislauf- und weiterer Körperfunktionen endet und in die Verpflichtung wechselt, den natürlichen Sterbeprozess nicht weiter aufzuhalten. Allein aus diesem Grunde ist es unhaltbar, im Falle einer nach Eintritt des Hirntodes stattfindenden Organentnahme eine Tötung auf Verlangen und damit aktive Sterbehilfe oder Euthanasie anzunehmen; denn der Hirntote "bedarf” gerade keiner Hilfe mehr, um zu sterben.
Allerdings ist es gerechtfertigt, in den natürlichen Sterbeprozess dann verlängernd einzugreifen, wenn es um die Verwirklichung eines sittlich hochstehenden Zieles, nämlich die Rettung eines anderen Menschenlebens durch Organspende, geht. Diese Situation unterscheidet sich diametral von der des § 216 StGB, der eine Lebensverkürzung auf Tötungsverlangen, aber nicht einen verlängernden Eingriff in das sonst sittlich gebotene Sterbenlassen pönalisiert.
Ein solcher Eingriff in den natürlichen Sterbevorgang bedarf der Einwilligung. Es ist Ausdruck der jedem Menschen innewohnenden und unveräußerlichen Würde, das Dritte nicht ohne oder gegen seinen Willen über seinen Körper verfügen können. Ein strafbares Delikt mag dann in Frage kommen, wenn es an dieser Einwilligung fehlt. Eine spezielle Regelung ist für das Transplantationsgesetz vorgesehen.
Auch angesichts des Prinzips der Einheit der Rechtsordnung fällt die Beantwortung der Frage, wann das Vorliegen eines Tötungsdelikts überhaupt erwogen werden kann, eindeutig aus. Es ist abwegig, auch nur tatbestandlich eine Straftat anzunehmen, wenn eine Explantation de lege artis einem formell und materiell verfassungsmäßigen Gesetz entsprechend vorgenommen wurde. Änderungen des Strafgesetzbuches "zur Klarstellung” würden diese Selbstverständlichkeit in Frage stellen. Sonst hat der Strafrechtskommentator Tröndle in dieser Zeitung zum Unterschied zwischen Tötung und Spende alles Nötige gesagt.

Dem von dem Gießener Staatsrechtler Höfling entwickelten Botenmodell folgend wollen wir diese Einwilligung an keine formalen Voraussetzungen binden. Sie soll auch durch die Angehörigen vermittelt werden können. Unterschiedlich kann man insoweit noch sehen, ob für die Einwilligung der tatsächlich geäußerte Wille des Spenders nötig ist oder der mutmaßliche Wille ausreicht.

Unser Modell der Bürgerpflicht will diese Frage jedoch weitgehend gegenstandslos machen. Aus dem Solidargedanken heraus soll jedermann eine Entscheidung für oder gegen die Bereitschaft zur Organspende treffen. Diese Entscheidung ist in einem bundeszentralen Spenderregister festzuhalten und kann jederzeit geändert werden. Bei möglichst vielen Gelegenheiten, z. B. der Ausgabe des Personalausweises, des Führerscheins oder der Versichertenkarte der Gesetzlichen Krankenversicherung, sollen die Bürgerinnen und Bürger immer wieder mit der Frage ihrer Spendebereitschaft konfrontiert werden. In den USA etwa vermerkt man die entsprechende Erklärung gleich auf der Rückseite des Führerscheins.
Begleitet werden muss die Bürgerpflicht durch eine umfassende und kontinuierliche Aufklärung durch den Staat. Er hat die Verpflichtung, über alle wesentlichen medizinischen, rechtlichen und ethischen Fragen in allgemeinverständlicher Weise zu informieren, und das könnte in einem übersichtlichen Faltblatt zu den o. a. Gelegenheiten geschehen.
Die Bürgerpflicht erleichtert zudem die Situation der Angehörigen, die neben dem Verlust eines geliebten Menschen sonst gleichzeitig die Situation der Entscheidung über die Organentnahme zu bewältigen hätten.
Es ist selbstverständlich, dass diese Bürgerpflicht das Recht zur Nichtentscheidung einschließen muss. Für diese Fälle könnte dann die Frage des mutmaßlichen Willens eine Rolle spielen. Für ein Kind übrigens - denn die Kinder-Organtransplantation spielt eine nicht unerhebliche Rolle - würden seine Eltern entscheiden. Aber das wäre dann systematisch nicht ihre eigene Entscheidung, sondern die vom gesetzlichen Vertreter substituierte des Kindes.
 
 
 
 


Pro und Contra-Diskussion
M. Knoche (MdB)

Argumente gegen die Hirntodkonzeption

Organtransplantation

Auf den ersten Blick halten viele Menschen die Transplantation für eine gute Sache. Doch die wenigsten wissen, was bei der Organentnahme eigentlich passiert. Die wesentliche Frage dabei lautet, wann ist ein Mensch tot? Zu welchem Zeitpunkt dürfen Ärzte seine Organe entnehmen? Denn die Mediziner beginnen mit der Organentnahme bereits, wenn der sogenannte Hirntod eingetreten ist, andere Organe aber längst noch funktionieren.
Die herrschende medizinische Lehrmeinung besagt nämlich, dass ein Mensch schon dann als tot zu betrachten ist, wenn seine Hirnfunktionen unumkehrbar erloschen sind.
Diese Auffassung entstand 1968 in Harvard (USA). Damals wurde zum ersten Mal ein Mensch für "hirntot” erklärt. Es war eine Reaktion auf die Entwicklung der Intensivmedizin, der es immer öfter gelang, Menschen ins Leben zurückzuholen, die nicht mehr atmeten und deren Herz nicht mehr schlug - Merkmale, die bis dahin als sicheres Zeichen des Todes galten. Doch das noch gar nicht so alte Todeskriterium !"hirntot” ist in die Diskussion geraten. Immer mehr Angehörige, Krankenschwestern und Ärzte zweifeln daran. Sie sehen in einem Menschen im Zustand des unumkehrbaren Hirnzusammenbruchs, dessen Haut noch gut durchblutet ist, dessen Herz schlägt und dessen Lunge atmet, einen zwar todesnahen, aber immer noch lebenden Menschen und verlangen dessen besonderen Schutz.
Transplantationsmediziner hingegen setzen den "Hirntod", also den irreversiblen Ausfall aller messbaren Hirnfunktionen, mit dem endgültigen Tod des Menschen gleich und stellen die Interessen der Kranken, die auf Organe warten, in den Vordergrund.

Das ethische Dilemma der Transplantationsmedizin

Bei jeder Heilbehandlung sind zwei Menschen - Arzt und Patient - beteiligt. Mit der Transplantation wird in diese uralte Beziehung eine dritte Person einbezogen - und diese Person muss auf jeden Fall sterben. Diese Grenzüberschreitung - Heilung durch Zugriff auf den Körper eines anderen - macht die Organverpflanzung zu einem Ausnahmefall in der Medizin.
Ethisch umstritten und juristisch ungeregelt, setzt die Transplantationsmedizin die Organverpflanzung immer häufiger nicht nur zur unmittelbaren Lebensrettung ein, sondern auch zur bloßen Linderung oder Veränderung des Krankheitsbildes.
Viele MedizinerInnen und PatientInnen haben sich an diese Grenzüberschreitung schon gewöhnt und haben ein Anspruchsdenken entwickelt, das wir für ethisch bedenklich halten. Denn menschliche Organe haben einen Warencharakter bekommen; sie werden nachgefragt, werden knapp. Selbstverständlich steht kranken Menschen die volle Solidarität der Gesellschaft zu. Unserer Auffassung nach endet dieser Anspruch auf Heilung jedoch an der Haut eines Dritten. Niemand stirbt an Organmangel; Ursache ist eine schwere Krankheit.
Der Bedarf an Organen kann nicht befriedigt werden. Denn dann müsste im Interesse der OrganempfängerInnen der Kreis der SpenderInnen möglichst groß werden. Medizin und Gesellschaft haben aber im Gegenteil die Verpflichtung, diesen Kreis so gering wie möglich zu halten.
Beispiel Unfalltote. Die Einführung der Helmpflicht für Motorradfahrer hat die Todesfälle junger Männer deutlich reduziert. Das ist erfreulich. Transplantationsmediziner jedoch haben auch noch eine andere Sicht. Sie stellten fest, dass dieser Trend auch zu einem Rückgang an vitalen Organspendern führe. Niemand aber kann sich wünschen, so viele Unfallopfer zu bekommen, wie die Transplantationsmedizin braucht.

Der Erfolg jeder Transplantation steht und fällt mit der Lebensfrische des Organs. Deshalb liegt es im Interesse der Transplantationsmedizin und der EmpfängerInnen, die/den sterbende/n SpenderIn so früh wie möglich für tot zu erklären. Diese Tendenz kollidiert auf elementare Weise mit dem Recht des Sterbenden auf körperliche Unversehrtheit.

Grenzüberschreitungen
 
 

Warten auf ein geschenktes Organ
Anspruchsdenken auf fremdes Organ
Spende aus Hilfsbereitschaft
Moralische Spendepflicht
Verpflanzung von Organen auf andere Menschen
Nutzung für andere Zwecke
Selbstbestimmung als Freiheitselement jedes Individuums
Veräußerung des Körperbesitzes aus (Un)freiheit

 

Ein bedenkenloser Umgang mit menschlichen Organen wird weitere Grenzüberschreitungen nach sich ziehen, zum Beispiel Organverpflanzungen zu experimentellen Zwecken und Handel mit Organen im großen Stil. Die Entwicklung könnte schlimmstenfalls dazu führen, daß der sterbende Körper sozialpflichtig wird, das heißt, über seine Organe würde zwangsweise verfügt.

"Hirntod"=Tod?
"Mit dem Organtod des Gehirns sind die für jedes personale menschliche Leben unabdingbaren Voraussetzungen, ebenso aber auch alle für das eigenständige körperliche Leben erforderlichen Steuerungsvorgänge des Gehirns endgültig erloschen. Die Feststellung des Hirntodes bedeutet damit die Feststellung des Todes des Menschen."
Mit diesen Worten bekräftigt die Bundesärztekammer ihre Richtlinien über "Kriterien des Hirntodes".
Zur Feststellung des "Hirntods" gibt es eine Reihe von Untersuchungen, bei denen u. a. die Bewusstlosigkeit, der Ausfall der Spontanatmung und das Fehlen verschiedener Reflexe überprüft werden oder alternativ die sogenannte hirnelektrische Stille nachgewiesen wird. Sind diese Kriterien erfüllt, wird der oder die Betroffene für hirntot erklärt.
Für die Verfechter des Konzepts "Hirntod" ist mit dem messbaren Ausfall des Gehirns der Sterbeprozeß des Menschen beendet. Denn mit dem Tod des Gehirns fehle die Einheit, die die einzelnen Körpertätigkeiten zum ganzen Lebewesen verbinde und zusammenfasse. Es gebe keinerlei Möglichkeit zu irgendeinem Verhalten und Handeln, zu irgendeiner Empfindung und Wahrnehmung - auch nicht von Schmerzen -, zu selbständigem Wachstum, selbständiger Reife und zur selbstbestimmten Fortpflanzung mehr. So lauten die Argumente.
Doch spätestens seit der Expertenanhörung des Deutschen Bundestages zur Bewertung des "Hirntods" am 28. Juni 1995 muss die Gleichsetzung des "Hirntods" mit dem Tod des Menschen als widerlegt angesehen werden. Das Konzept vom "Hirntod" ist nicht auf einen Konsens innerhalb und zwischen natur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen gegründet. Eine Vielzahl von ExpertInnen hat darauf hingewiesen, dass der "Hirntod" zwar mit dem Tod des Menschen eng verknüpft ist, aber nicht mit dem Tod gleichgesetzt werden darf.
Die Ergebnisse der Anhörung lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

  • Der Verlust aller Hirnfunktionen kann prinzipiell nicht nachgewiesen werden, weil die gesamten Hirnfunktionen weder bekannt noch messbar sind.
  • Es ist nicht völlig sicher, daß zum Zeitpunkt der Feststellung des sogenannten Hirntods in allen Fällen der Ausfall des ganzen Gehirns eingetreten ist.
  • Die Frage, ob ein für "hirntot" erklärter Mensch noch elementare Empfindungen haben kann, lässt sich naturwissenschaftlich nicht klären. Die Grenzen des wissenschaftlich Beschreibbaren dürfen aber nicht mit den Grenzen der Wirklichkeit gleichgesetzt werden.
  • Auch nach dem sogenannten Hirntod gibt es Wechselbeziehungen zwischen Organismus und Umwelt.
  • Es kann nicht ausgeschlossen werden, daß auch Teile des Rückenmarks mit der Integration des autonomen Selbst zu tun haben, denn es integriert die Sensibilität und Motorik fast des gesamten Körpers.
  • Die Reduktion menschlichen Lebens auf Leistungen des menschlichen Gehirns ist unzulässig.Der Zusammenbruch des Hirns darf höchstens als ein Übergangsstadium im Sterbeprozess betrachtet werden. Es wird künstlich festgelegt, um eine Organentnahme zu ermöglichen.

  •  
    Aus all dem folgt: "Hirntote" sind unumkehrbar Sterbende, somit aber lebende Menschen. Der "Hirntod" ist nicht gleichbedeutend mit dem Tod des Menschen.
     

    Kritische Stimmen zur Bewertung des "Hirntods"

  • "Es ist naturwissenschaftlich nicht zulässig, vom Bewusstseinverlust ... zu reden, weil Bewusstsein etwas ist, was im strengen Sinne nicht beobachtet werden kann und deswegen auch nicht allein von Naturwissenschaftlern bewertet werden kann."
  • Prof. Dr. Klaus Dörner, 28.6.95
  • "Es ist nicht wissenschaftlich erwiesen, dass ein als hirntot definierter sterbender Mensch keine archaischen Empfindungen mehr hat. Das Erlöschen der Schmerzreaktion reicht dazu nicht aus, wie man aus der Narkoseforschung weiß. Das mit dem Hirntodkonzept verbundene Leib-Seele-Problem ist ungelöst."
  • Dr. Andreas Zieger, 28.6.95
  • "Das Gehirn darf nicht als Obersteuerorgan und als ganzmachendes Organ mystifiziert werden, das sage ich ganz ausdrücklich als Hirnforscher. Ebenso darf die Tatsache, dass der Hirntod den Gesamttod unweigerlich nach sich zieht, nicht als Besonderheit des Gehirns bewertet werden. Das Versagen der Nieren führt genauso unweigerlich zum Tod eines Menschen wie der Ausfall des Hirnstamms, sofern man nicht ihre Funktion ersetzt hat."
  • Prof. Dr. Gerhard Roth, 28.6.95
  • "Solange ein hirntoter Mensch auf einer Intensivstation äußerlich nicht zu unterscheiden ist von bewusstlosen lebenden Patienten, solange er von seiner Umgebung, von den Pflegekräften, insbesondere aber von seinen Angehörigen als lebend erfahren und wahrgenommen wird, ist er Person in einem sozialen Kontext."
  • Prof. Dr. Linus Geisler, 28.6.95
    Stellungnahmen aus der Anhörung des Deutschen Bundestages am 28. Juni 1995
    "Hirntod"
  •  unumkehrbarer Ausfall aller messbaren Hirnfunktionen
  •  Ein Mensch im Zustand des unumkehrbaren Ausfalls aller messbaren Hirnfunktionen auf der Intensivstation ist nicht nur warm und durchblutet, sondern bewegt sich spontan, aber auch nach Verletzung, das sogenannte Lazarussyndrom.
  •  Noch Tage nach der Feststellung des unumkehrbaren Ausfalls aller messbaren Hirnfunktionen ließen sich in deutschen und japanischen Studien noch normale Spiegel von Hormonen feststellen, die nur im Gehirn produziert werden.
  •  Bei manchen als "hirntot" diagnostizierten Kindern ließen sich noch Durchblutung und Stoffwechselaktivitäten im Hirn nachweisen.
  •  Männer im Zustand des irreversiblen Ausfalls aller messbaren Hirnfunktionen sind fortpflanzungsfähig. Sie können Erektionen und Samenergüsse bekommen.
  •  Schwangere im Zustand des irreversiblen Ausfalls aller messbaren Hirnfunktionen sind in der Lage, gesunde Kinder zu gebären.

  • Das Verfassungsrecht
    Das bestehende Recht reicht nicht aus. Seitdem das Konzept vom "Hirntod" in die Diskussion geraten ist und von vielen ExpertInnen als widerlegt angesehen wird, ist eine Neuregelung unabdingbar. Es fällt nicht in die Kompetenz des Gesetzgebers oder der Rechtswissenschaft, eine naturwissenschaftliche Kontroverse zu entscheiden. Wenn es aber begründete Zweifel daran gibt, ob ein Mensch im Zustand des unumkehrbaren Hirnversagens tot ist, dann gebietet es unsere Verfassung, diesem Zweifel unbedingt Rechnung zu tragen.
    Verfassungsrechtlich gilt: "In dubio pro vita" - schon Zweifel daran, ob ein Mensch noch lebt, bedeuten, dass von dessen Leben auszugehen ist. Mit unserer Verfassung ist es nicht vereinbar, menschliches Leben vom Nachweis einer wie auch immer gearteten geistigen Leistungsfähigkeit abhängig zu machen.
    Da die begründete Annahme besteht, dass der unumkehrbare Ausfall aller messbaren Hirnfunktionen ein Übergangszustand im Sterbeprozess ist, der künstlich festgelegt wird, handelt es sich bei Menschen in diesem Zustand um Sterbende, also noch lebende Menschen. Der Gesetzgeber darf nicht zu Lasten dieser Menschen verfügen, dass sie Tote seien.
    Damit sind alle Gesetzentwürfe - schon aus verfassungsrechtlichen Gründen - zum Scheitern verurteilt, die den irreversiblen Ausfall aller messbaren Hirnfunktionen als Todeskriterium festzuschreiben versuchen.

    Menschsein nur mit Bewusstsein?
    Eine Gesellschaft, die den irreversiblen Ausfall von Teilen des Hirns als Todeskriterium akzeptiert, könnte früher oder später darauf verfallen, dieses Kriterium auch auf andere Personengruppen anzuwenden.
    In den USA werden nach einem Beschluss der American Medical Association AMA bereits Neugeborene ohne Großhirn als Organspender betrachtet, obwohl sie nach dem Kriterium "Hirntod" nicht als Tote gelten - wegen des großen Bedarfs an Organen und der "fehlenden Lebensperspektive".
    Unter Philosophen mehren sich bereits die Stimmen, die das Menschsein nur noch beim Vorhandensein "höherer Fähigkeiten" wie Denken, Erinnern und Kommunikationsfähigkeit anerkennen wollen: "Der Teilhirntod", so heißt es, "ist nichts anderes als der zu Ende gedachte Hirntod. "Sie schlagen vor, zwischen dem Tod des Organismus und dem Tod der Person zu unterscheiden. Bei dieser Lage wäre es verhängnisvoll, die Entscheidung der Frage, wann ein Mensch tot ist, einzig vom Bedarf der Transplantationsmedizin abhängig zu machen.

    Organentnahme ohne das Konzept vom "Hirntod"
    "Wenn der Hirntod nicht als Tod des Menschen gilt, kann und wird es in Deutschland keine Organentnahme mehr geben, denn dann würde jede Explantation eine Tötung des Spenders bedeuten."
    Mit solchen Äußerungen pochen Verfechter der Transplantationsmedizin darauf, dass ohne Anerkennung des Konzepts vom "Hirntod" keine Transplantation möglich sei.
    Doch obwohl der sich im Zustand des unumkehrbaren Ausfalls aller messbaren Hirnfunktionen befindende Mensch lebt, ist die Entnahme lebenswichtiger Organe zu Transplantationszwecken sowohl ethisch begründbar als auch verfassungsrechtlich möglich. Sie erfordert keine Ausnahme vom Tötungsverbot, was verfassungsrechtlich bedenklich wäre.
    Allerdings ist eine solche Entnahme dann zwingend mit der sogenannten engen Zustimmungslösung verbunden. Der oder die Betroffene muss vorab einer Organentnahme zugestimmt haben, und zwar für den Fall, dass bei ihm oder ihr der irreversible Ausfall der messbaren Hirnfunktion festgestellt wird. Der "Hirntod" ist dabei kein Todes-, sondern ein Entnahmekriterium.
    Darüber hinaus muss der Gesetzgeber für Rechtssicherheit sorgen und vorschreiben, dass zur Feststellung dieses Kriteriums sämtliche medizinische Fragen geklärt sind.
    Der Ausfall aller messbaren Hirnfunktionen bezeichnet einen todesnahen Zustand. In diesem Zustand ist es der Medizin nicht mehr erlaubt, den Sterbeprozess intensivmedizinisch aufzuhalten, also das Sterben zu verlängern. Denn es geht um den Respekt vor dem sterbenden Menschen und dessen Recht auf einen würdigen Tod.
    Eine Ausnahme ist nur möglich, wenn der oder die Sterbende zuvor ausdrücklich verfügt hat, dass sie im Interesse der Lebensrettung oder Leidensminderung eines anderen Menschen einer kurzfristigen Verlängerung des eigenen Sterbens zustimmt.

    Ist Organentnahme Tötung auf Verlangen?
    Zuweilen wird uns der Vorwurf gemacht, mit unseren Vorstellungen zu einem Transplantationsgesetz machten wir Zugeständnisse an eine Freigabe der Tötung auf Verlangen. Das sehen wir anders. Bei Menschen, deren unumkehrbarer Ausfall aller messbaren Hirnfunktionen diagnostiziert ist, führt der Abbruch aller intensivmedizinischen Unterstützung unmittelbar zum Stillstand von Herz und Kreislauf und damit zum Tod. Wir sind der Auffassung, daß es der Intensivmedizin nicht erlaubt sein solle, das Sterben künstlich zu verlängern. Eine Einwilligung in eine kurzfristige Verlängerung des Sterbens zugunsten Dritter hat jedoch mit der Tötung auf Verlangen nichts zu tun. Sie stellt einen selbstgewählten Verzicht des "hirntoten" Menschen auf die Integrität seines Sterbeprozesses dar. Wer zur Organspende bereit ist, nimmt eine Verlängerung seines Sterbens in Kauf, um das Leben eines anderen zu retten.

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