Home - Religionskritik
zurück
Mythologische Vorstellungs- und Ausdrucksformen bestimmen die Texte der Bibel (z. B. Höllen- und Himmelfahrt, Wunderglaube). Diese Vorstellungen sind dem neuzeitlichen Menschen fremd und erschweren den Zugang zu biblischen Texten. Man kann hinter diese Vorstellungen zurückfragen: Was ist gemeint? Was wollte der jeweilige Verfasser ausdrücken?  Es ist offensichtlich, dass das Welt- und Wirklichkeitsverständnis der biblischen Verfasser anders ist als das neuzeitliche. Um die Einheit von Verstehen und Glauben geht es Rudolf Bultmann (1884-1976).

 

Rudolf Bultmann

Entmythologisierung

 "Das ganze Weltverständnis, das in der Predigt Jesu wie allgemein im Neuen Testament vorausgesetzt wird, ist mythologisch; das heißt: die Vorstellung der Welt, die in die drei Stockwerke Himmel, Erde und Hölle eingeteilt ist, die Vorstellung, dass übernatürliche Kräfte in den Lauf der Dinge eingreifen, und die Wundervorstellung, insbesondere die, dass übernatürliche Kräfte in das Innenleben der Seele eingreifen, die Vorstellung, dass der Mensch vom Teufel versucht und verdorben und von bösen Geistern besessen werden kann. Dieses Weltbild nennen wir mythologisch da es sich von dem Weltbild unterscheidet, das von der Wissenschaft seit ihrem Anfang im klassischen Griechenland gebildet und entwickelt wurde, und das auch von allen modernen Menschen angenommen worden ist. In diesem modernen Weltbild ist die Verbindung von Ursache und Wirkung grundlegend. Wenn auch die modernen physikalische Theorien in den subatomaren Vorgängen den Zufall in Rechnung stellen, werden unsere täglichen Vorsätze, unser Handeln und unser Leben davon nicht berührt. Jedenfalls glaubt die moderne Wissenschaft nicht, dass der Lauf de Natur von übernatürlichen Kräften durchbrochen oder sozusagen durchlöchert werden kann.

Dasselbe gilt für die moderne Geschichtsforschung, die nicht mit einem Eingreifen Gottes oder des Teufels oder von Dämonen in den Lauf der Geschichte rechnet. Dagegen wird der Lauf der Geschichte als ein ungebrochenes Ganzes betrachtet, das in sich selbst vollständig ist, auch wenn es sich vom Lauf der Natur unterscheidet, weil es in der Geschichte geistige Mächte gibt, die den Willen der Menschen beeinflussen. Zugegeben, dass nicht alle geschichtlichen Ereignisse notwendig von den Naturgesetzen bestimmt und dass die Menschen für ihre Handlungen verantwortlich sind, so geschieht doch nichts ohne eine vernünftige Begründung, sonst wäre ja die Verantwortung aufgelöst. Natürlich gibt es noch viel Aberglauben unter den modernen Menschen, aber das sind Ausnahmen oder gar Abnormitäten. Der Mensch von heute baut darauf, dass der Lauf der Natur und Geschichte, wie sein eigenes Innenleben und sein praktisches Leben, nirgends vom Einwirken übernatürlicher Kräfte durchbrochen wird....
Besonders die Vorstellung des präexistenten Gottessohnes, der in menschlicher Verkleidung in die Welt herabsteigt, um die Menschheit zu erlösen ist Teil einer gnostischen Erlösungslehre, und niemand würde zögern, diese Lehre mythologisch zu nennen. Daher erhebt sich die brennende Frage: Welches ist die Bedeutung der Predigt von Jesus und der Predigt des ganzen Neuen Testaments für den modernen Menschen?

Für den Menschen von heute sind das mythologische Weltbild, die Vorstellung vom Ende, vom Erlöser und der Erlösung vergangen und erledigt. Kann man erwarten, dass wir ein sacrificium intellectus [einen Verzicht auf das Verstehen) vollziehen, damit wir annehmen können, was wir ehrlich nicht für wahr halten können - nur weil solche Vorstellungen in der Bibel stehen? Oder sollen wir diejenigen Sätze im Neuen Testament überlesen, die solche mythologischen Vorstellungen enthalten, und andere Worte zusammensuchen, die keinem modernen Menschen einen Anstoß bieten? In der Tat umfast die Predigt Jesu nicht ausschließlich eschatologische Aussprüche. Er verkündete auch den Willen Gottes, welcher das Gebot Gottes ist: das Gebot zum Guten. Jesus fordert Wahrheit und Reinheit, Bereitschaft zum Opfer und zur Liebe. Er fordert den Gehorsam des ganzen Menschen gegen Gott und er steht auf gegen den Irrtum, dass man seine Pflicht gegen Gott durch Einhalten gewisser äußerer Gebote erfüllen kann. Wenn der moderne Mensch an den ethischen Geboten Jesu Anstoß nimmt, dann sind das Hindernisse für seinen selbstsüchtigen Willen und nicht für seinen Verstand.
...
 Wenn dem so ist, wollen wir die mythologischen Vorstellungen weglassen, gerade weil wir ihre tiefere Bedeutung beibehalten wollen. Diese Methode der Auslegung des Neuen Testaments, die versucht, die tiefere Bedeutung hinter den mythologischen Vorstellungen wieder aufzudecken, nenne ich Entmythologisierung - ein sicherlich unbefriedigendes Wort! Ziel ist nicht das Entfernen mythologischer Aussagen, sondern ihre Auslegung. Es ist eine Deutungsmethode."


Religionskritik - ‹bersicht

Aufgaben:

  1. Beschreiben sie mit eigenen Worten den Anspruch von Bultmann !
  2. Was bleibt eigentlich von biblischen Texten übrig, wenn man sie entmythologisiert ?
  3. Welche Kritikpunkte können gegen Bultmann vorgebracht werden ?

zurück