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...und die Zukunft der Religion
 
Wolfgang Huber (geb.1942 ) ist Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg und war von 2003-2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. 
Eine humane Gesellschaft ohne Religion und Glaube ist für ihn nicht vorstellbar.
 
Aufgaben

 
"Zukunft gestalten Erwartungen an Religion und Glaube"
Wolfgang Huber  (Dezember 2006) 

Wieso eigentlich gerade Religion und Glaube? Weshalb sollen sie in besonderer Weise dazu beitragen, Zukunft zu gestalten?

Die Antwort ist einfach: Religion und Glaube bilden einen zentralen Bereich menschlichen Lebens. Zwar hat die Shell-Jugendstudie gerade der Behauptung widersprochen, wir erlebten gegenwärtig eine "Renaissance der Religion". Bei Jugendlichen kann man vielmehr in Fragen des Glaubens eine breite Streuung von Positionen wahrnehmen. Dennoch lässt es sich nicht bezweifeln: Die meisten Prognosen der letzten Jahrzehnte zur Rolle der Religion haben sich als falsch erwiesen. Zwar hat sich in Europa die Rolle die Kirchen während der vergangenen zweihundert Jahre tiefgreifend verwandelt. In vielen Bereichen haben sie im Prozess der Säkularisierung ihre unmittelbare, mit staatlicher Unterstützung durchsetzbare Bestimmungsmacht verloren. Doch die Wirkungsgeschichte des Evangeliums dauert an: Die Botschaft von Gottes Gnade wird verkündet, Menschen gründen ihr Leben im Glauben und lassen sich zu Taten der Liebe anstiften, der Gedanke der christlichen Freiheit wirkt auch dort fort, wo ein Hinweis auf seine Wurzeln fehlt. Der Gedanke der Menschenrechte, die Ausgestaltung des demokratischen Staates, die Orientierung gesellschaftlichen Handelns an Gerechtigkeit und Solidarität oder die Idee eines Europas der Versöhnung und des Friedens verdanken sich entscheidenden Impulse des christlichen Glaubens und mit ihm der jüdischen Tradition.

Heute zeigt sich immer deutlicher, dass die Engführung auf die Herrschaft eines vermeintlich exakten naturwissenschaftlichen Denkens in eine Sackgasse geraten ist. Gerade die Verbindung zwischen Glauben und Vernunft wird wieder zu einem öffentlichen Thema.
Auch die Antwort der Reformation bringen wir in diese Debatte ein. Auch in unseren Breiten nehmen die Menschen sich in neuer Weise wahr als die selbsttranszendenten Wesen, die sie sind. Religiöse Interessen werden lebendig, wenn auch oft in diffuser Form. Kirche wird wieder gefragt, wenn auch manchmal auf befremdliche Weise. Nahezu drei Viertel der Deutschen rechnen gegenwärtig damit, dass Religion ein wichtiges Thema bleibt oder an Bedeutung gewinnt. Nur ein Viertel hat die Vorstellung, dass die Bedeutung der Religion schwindet.

Je unerbittlicher die europäische Welt auf die globalisierte Wirtschaft ausgerichtet wird, je strikter Markt und Finanzkraft, Lohnnebenkosten und Konkurrenzkampf das Leben bestimmen sollen, desto stärker wird nach Gegenkräften gefragt. Die meisten spüren, dass Konsum allein nicht Halt gibt, dass Wirtschaft allein nicht Sinn schenkt, dass Funktionieren allein nicht Bedeutung verleiht. Mit der Rückkehr der Religion rebelliert die Seele der Menschen gegen ihre kommerzielle Reduktion. Ich glaube auch aus diesem Grund, dass Entscheidungen, die den Menschen nur noch als Konsumenten in den Blick nehmen der Umgang mit den Sonntagen ist dafür ein Symptom in die Irre gehen.

Die Vorstellung, dass sich der Glaube in die Privatsphäre abschieben lasse und dass gesellschaftliches Zusammenleben ohne die öffentliche Erkennbarkeit von Religion und Glaube möglich sei, gehört der Vergangenheit an. Natürlich bedeutet das keineswegs, dass alle Menschen sich zum Glauben an Gott bekennen. Aber in vergleichsweise kurzer Zeit ist deutlich geworden, dass dies eine der Fragen ist, in denen man zu einer persönlichen Entscheidung kommen muss. Während 1992 noch ein Drittel der (West-)Deutschen auf die Frage, ob sie an Gott glauben, antworteten, sie wüssten das nicht, sind es heute noch drei Prozent. Gestiegen ist in der Zwischenzeit nicht nur die Zahl derjenigen, die sich zum Glauben an Gott bekennen (von 50 auf 64 Prozent), sondern auch die Zahl derjenigen, die diesen Glauben für sich ablehnen (von 20 auf 33 Prozent). Aber das Entscheidende ist: Die Indifferenz ist in einem erstaunlichen Maß zurückgegangen.

Der Einfluss der Religion, insbesondere der Kirchen, auf die Gesellschaft durch kulturelle Präsenz und politische Äußerungen, Gemeinwohlarbeit in den Kommunen, Diakonie und Bildung wird an Bedeutung weiter wachsen. Natürlich vollzieht sich dabei keine Rückkehr zu einem überholten Staatskirchentum. Nur an den Punkten, an denen sich für die gesellschaftlichen Kräfte eine Auseinandersetzung mit der Meinung der Vertreter der Religi-onsgemeinschaften qualitativ lohnt, wird sie auch vollzogen werden. Schon ist in diesem Zusammenhang von einem "kulturellen Wettbewerb" die Rede, der auch ein Wettbewerb um die Positionen und Antworten ist, die am meisten überzeugen. Unverkennbar wächst die Nachfrage nach der geistlichen Orientierung, die von den Religionsgemeinschaften ausgeht. Unsere christlichen Kirchen und Gemeinden müssen darauf antworten mit der Konzentration auf das, was allein sie vertreten können: die Orientierung an der Wirklichkeit Gottes. Die Kirchen vermögen es, Orte und Riten anzubieten, die über ihre eigenen Mitglieder hinaus tragfähig sind. Entwickeln wir Zutrauen zu den neuen und überraschenden Wegen, auf denen das geschieht! Mit diesem Mut und in dieser Gewissheit gilt es, auch in unseren eigenen Bereichen Zukunft zu gestalten.

www.ekd.de

Aufgaben:

1
Legen Sie dar, worin Wolfgang Huber die Bedeutung von Religion und Kirche in Gegenwart und   Zukunft sieht!

2. Beschreiben Sie weitere mögliche Aufgaben und Angebote der Kirche(n) !

3.  Worin sehen Sie die Zukunft von Religion und Kirche im 21. Jahrhundert?
Gehen Sie dabei auch auf gegenwärtige gesellschaftliche Probleme und eigene Erfahrungen mit Religion und Kirche ein!

 


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