Home - Religionskritik
zurück
Religionskritik - ‹bersicht "...Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen"

Heinrich Heine (1797-1856),
einer der größten Dichter deutscher Sprache, äußert in diesem teils ironischen Text auch scharfe Kritik an Religion und Gesellschaft.
 

Religionskritik der Aufklärung
H. Heine (Wikipedia)
Die Religion der Freude

Einst, wenn die Menschheit ihre völlige Gesundheit wiedererlangt, wenn der Friede zwischen Leib und Seele wiederhergestellt und sie wieder in ursprünglicher Harmonie sich durchdringen: dann wird man den künstlichen Hader, den das Christentum zwischen beiden gestiftet, kaum begreifen können. Die glücklichern und schöneren Generationen, die, gezeugt durch freie Wahlumarmung, in einer Religion der Freude empor blühen, werden wehmütig lächeln über ihre armen Vorfahren, die sich aller Genüsse dieser schönen Erde trübsinnig enthielten und durch Abtötung der warmen farbige Sinnlichkeit fast zu kalten Gespenstern verblichen sind!

Ja, ich sage es bestimmt, unsere Nachkommen werden schöner und glücklicher sein als wir. Denn ich glaube an den Fortschritt, ich glaube, die  Menschheit ist zur Glückseligkeit bestimmt, und ich hege also eine größere Meinung von der Gottheit als jene frommen Leute, die da wähnen, er habe den Menschen nur zum Leiden erschaffen. Schon hier auf Erde möchte ich durch die Segnungen freier politischer und industrieller Institutionen jene Seligkeit etablieren, die nach der Meinung der Frommen erst am jüngsten Tage, im Himmel, stattfinden soll. Jenes ist vielleicht ebenso wie dieses eine törichte Hoffnung, und es gibt keine Auferstehung der Menschheit, weder im politisch-moralischen, noch im apostolisch-katholischen Sinne.

Die Menschheit ist vielleicht zu ewigem Elend bestimmt, die Völker sind vielleicht auf ewig verdammt, von Despoten zertreten, von den Spießgesellen derselben exploitiert (=ausgebeutet) und von den Lakaien verhöhnt zu werden.
Ach, in diesem Falle müsste man das Christentum, selbst wenn man es als Irrtum erkannt, dennoch zu erhalten suchen, man müsste in der Mönchskutte und barfuß durch Europa laufen, und die Nichtigkeit aller irdischen Güter und Entsagung predigen, und den gegeißelten und verspotteten Menschen das tröstende Kruzifix vorhalten, und ihnen nach dem Tode, dort oben, alle sieben Himmel versprechen. Vielleicht eben, weil die Großen dieser Erde ihrer Obermacht gewiss sind und im  Herzen beschlossen haben, sie ewig zu unserem Unglück zu missbrauchen, sind sie von der Notwendigkeit des Christentums für ihre Völker überzeugt, und es ist im Grunde ein zartes Menschlichkeitsgefühl, dass sie sich für die Erhaltung dieser Religion so viele Mühe geben!

Das endliche Schicksal des Christentums ist also davon abhängig, ob wir dessen noch bedürfen. Diese Religion war eine Wohltat für die leidende Menschheit während achtzehn Jahrhunderten, sie war providentiell (=von der göttlichen Vorsehung bestimmt) göttlich, heilig. Alles, was sie der Zivilisation genützt, indem sie die Starken zähmte und die Zahmen stärkte, die Völker verband durch gleiches Gefühl und gleiche Spräche, und was sonst noch von  ihren Apologeten hervorgerühmt wird, das ist sogar noch unbedeutend in Vergleichung mit jener großen Tröstung, die sie durch sich selbst den Menschen angedeihen lassen.

Ewiger Ruhm gebührt dem Symbol jenes leidenden Gottes,  des Heilands mit der Dornenkrone, des gekreuzigten Christus, dessen Blut gleichsam der lindernde Balsam war, der in die Wunden der Menschheit herabrann. Besonders der Dichter wird die schauerliche Erhabenheit dieses Symbols mit Ehrfurcht anerkennen.
 

Aufgaben:

1. Arbeiten Sie heraus, welche Funktionen und Perspektiven der Religion in dem Text von H. Heine herausgestellt werden !

2. Legen Sie die Grundgedanken der Religionskritik von L. Feuerbach und K. Marx dar und  überprüfen Sie, inwieweit Heine diesen Gedanken nahe steht!

3. Setzen Sie sich mit den religionskritischen Gedanken und dem Christusbild Heines auseinander !
Gehen Sie dabei auch darauf ein, inwieweit seine Kritikpunkte heute noch zutreffen und welche Aufgaben und Perspektiven Sie für die (christliche) Religion in unserer Welt sehen !

TIPP
Heines Religionskritik - Sehr lesenswerte Gedanken bei Literaturkritik.de
 


zurück