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Der Soziologe Michael N. Ebertz (Soziologe mit dem Schwerpunkt Religion; Professor an der Katholischen Fachhochschule in Freiburg) sieht keinen Platz mehr für die Kirchen als Gnadenanstalten. Religiosität folgt persönlichen Überzeugungen.

 
 
"Nur noch eine Sozialform"

FOCUS: Zwei von drei Deutschen glauben an Gott in irgendeiner Form, aber nur eine kleine Minderheit assoziert damit Christus. Wie erklären Sie das?
Ebertz: Die deistische Gottesvorstellung breitet sich aus. Formulierungen wie "Gott ist jemand, der sich in Christus zu erkennen gibt" findet sehr wenig Akzeptanz.

FOCUS: Haben Sie eine Erklärung?
Ebertz: Gesellschaftliche Pluralisierung! Religiosität ist in Bewegung geraten. Sie ist zunehmend eine Frage der persönlichen Überzeugung und immer weniger der kollektiven Verbindlichkeit. Dogmatische Formeln haben immer weniger Plausibilität.

FOCUS: Damit die katholische Kirche?
Ebertz: Dort sind Erosionen derzeit besonders sichtbar. Der modeme Mensch erlebt alles als relativ. In Glaubensdingen erkennt er, dass man immer alles auch anders sehen kann. Eindeutige Formulierungen entsprechen nicht mehr der heutigen Erfahrung.

FOCUS: Rom tut aber noch so, als müsse es Glaubenskonsens geben.
Ebertz: Man pflegt Glaubenskonsensfiktionen. Immer mehr Leute können einfach nicht mehr so glauben, wie es die Kirche erwartet.

FOCUS: Ist das völlig neu?
Ebertz: In diesem Ausmaß vermutlich ja. Auch Katholiken lassen das alteuropäische Modell aus Glaubensbefehl und -gehorsam hinter sich. Dieses Modell der Religion als Gnadenanstalt, in die man ungefragt hineingeboren wird oder der man sich unterwirft, kann die Moderne nicht mehr akzeptieren. Die evangelische Kirche lässt mehr Subjektivität zu.

FOCUS: Müsste die katholische also protestantischer werden?
Ebertz: Sie hat sich doch schon stark protestantisiert. Dafür gibt es Beispiele, etwa bei Kirchenliedern. Früher wurde gesungen: Ich will die Kirche hören. Heute heißt es an gleicher Stelle: Ich will Gottes Lehren folgen.

FOCUS: Eine Folge des letzten Konzils?
Ebertz: Es hat Religionsfreiheit anerkannt. Wer dies tut, stellt sich freilich selbst zur Disposition und erlaubt dem Individuum, frei zu wählen. Er sagt auch, dass es viele Heilswege gibt.

FOCUS: Wird das generell akzeptiert?
Ebertz: Nein. Vor allem einfache Leute erwarten diese Freiheit nicht, sondern klare Anweisungen.

FOCUS: Was geschieht, wenn die Mehrheit sich nichts mehr vorschreiben lassen will, die Kirche aber weiter die Wahrheit beansprucht?
Ebertz: Das modern Leben lässt sich nicht mehr unter die Regie einer Religion stellen. Viele Daseinsbereiche sind frei von religiöser Kontrolle. Die Kirche ist nur noch einer unter vielen Daseinsbereichen.

FOCUS: Mit welchen Folgen?
Ebertz: Die Kirchenreligion ist nur noch eine Perspektive, eine wichtige Anregung. Aber man kann sie nicht 1 : 1 ins I.eben übersetzen. Jede Religion, die dies versucht, verliert an Glaubwürdigkeit. Sie wird als totalitär erlebt, als Sekte, die alles vorschreibt, kontrolliert und sanktioniert.

FOCUS: Nichts für die Mehrheit?
Ebertz: Absolut nicht, Die Kirchen sind im Vergleich zu Sekten liberale Organisationen geworden. Sie kennen heute keine wirklichen Sanktionen.

FOCUS: Zumindest für die nicht, die nicht direkt von ihnen abhängen.
Ebertz: Ja, weil es auch das geschlossene Milieu nicht mehr gibt. Früher war ja selbst die Freizeit konfessionell geprägt. Man tanzte katholisch. Man spielte katholisch Fußball.

FOCUS: Warum treten aus der evangelischen Kirche mehr aus als aus der katholischen?
Ebertz: Die Reformation hat eine Tradition des Christentums ohne Kirche eingeleitet, die sich unter heutigen Bedingungen -jenseits des Obrigkeitsstaats zuspitzt.
Die katholische Kirche ist international attraktiv, auch wenn viele sie nicht für glaubwürdig halten. Eine These wäre, katholisch ist spannender, weil man dort noch immer mit Forderungen konfrontiert wird, so und nicht anders zu leben, bis hin zum Sexualleben. Worüber kann man denn noch in der evangelischen Kirche reden? Da ist keine kommunikative Spannung mehr.

FOCUS: Das würde etwas mehr Hoffnung für die katholische Kirche bedeuten?
Ebertz: Wenn diese Spannung erzeugt wird. Sie erhebt einen Höchstanspruch, von dem jeder weiß, dass er nicht lebbar ist. Das wirft Fragen und Probleme auf, schafft deshalb Kommunikation.

FOCUS: Ein Grund zu bleiben?
Ebertz: Einer. Viele bleiben aber auch aus Pietät, aus Rücksicht auf die Eltern. Wenn dieses Verhältnis gestört ist, treten sie aus. Ein weiterer Punkt ist, dass Kirchenmitgliedschaft im Westen noch immer sozial konform ist.

FOCUS: Wird heute noch jemand geächtet, der ausgetreten ist?
Ebertz: Es gibt schon noch Boykott. Man schneidet sie. Das wissen jene gut, die in den 30er Jahren Nazis und in den
50ger Sozialisten wurden.

FOCUS: Das gilt aber nicht mehr.
Ebertz: Kirche eröffnet und kontrolliert Lebenschancen, z. B. Kindergartenplätze! In Deutschland gibt es große Zustimmung zur Kirche als Sozialkirche. Man zahlt Kirchensteuer und macht sich die Hände nicht schmutzig, weil die Kirchen Alte und Kranke pflegen, Kinder, Jugendliche und Randgruppen betreuen. Zweitens feiern die Familien in den großen religiösen Festen der Kirche wie Weihnachten sich selbst. Das gilt selbst für Menschen, die nicht einmal mehr gottgläubig sind.

FOCUS: Ist es also den Kirchen egal, ob sie nur Mitglieder oder auch Gläubige haben?
Ebertz: In der Tat ist die Kirche im soziologischen Sinn keine Überzeugungsgemeinschaft. Kirche ist eine Sozialform, die Gläubige und Ungläubige vereinigt, die offen für alle ist und jedem etwas bietet. Sie muss deshalb auch jeden individuell ansprechen.

FOCUS: Leben wir somit in einer christlich geprägten Kultur mit christlichen Kirchen, aber ohne Christen?
Ebertz: Wir leben in einer überlieferten Ordnung mit einer abgesunkenen Christlichkeit unter modernen Bedingungen. Wir haben eine christentümliche Kultur, in der die Kirchen noch immer etwas bieten, wofür es keinen Ersatz gibt, aber geschwächt sind. Es handelt sich weniger um Entchristlichung als um Entkirchlichung.

FOCUS: Kann das auf Dauer halten?
Ebertz: Man kann auch Integration über Fragen schaffen, wenn Gott nicht anders als in Fragen zu begreifen ist.

FOCUS: Wären wir dann wieder bei der mehr mystischen Kirche?
Ebertz: Suchen und fragen ist eine Grundhaltung der Mystik.

(Aus Focus 14/99)


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