| "Nur
noch eine Sozialform"
FOCUS: Zwei von drei
Deutschen glauben an Gott in irgendeiner Form, aber nur eine kleine Minderheit
assoziert damit Christus. Wie erklären Sie das?
Ebertz: Die deistische Gottesvorstellung
breitet sich aus. Formulierungen wie "Gott ist jemand, der sich in Christus
zu erkennen gibt" findet sehr wenig Akzeptanz.
FOCUS: Haben Sie eine
Erklärung?
Ebertz: Gesellschaftliche
Pluralisierung! Religiosität ist in Bewegung geraten. Sie ist zunehmend
eine Frage der persönlichen Überzeugung und immer weniger der
kollektiven Verbindlichkeit. Dogmatische Formeln haben immer weniger Plausibilität.
FOCUS: Damit die katholische
Kirche?
Ebertz: Dort sind Erosionen
derzeit besonders sichtbar. Der modeme Mensch erlebt alles als relativ.
In Glaubensdingen erkennt er, dass man immer alles auch anders sehen kann.
Eindeutige Formulierungen entsprechen nicht mehr der heutigen Erfahrung.
FOCUS: Rom tut aber
noch so, als müsse es Glaubenskonsens geben.
Ebertz: Man pflegt Glaubenskonsensfiktionen.
Immer mehr Leute können einfach nicht mehr so glauben, wie es die
Kirche erwartet.
FOCUS: Ist das völlig
neu?
Ebertz: In diesem Ausmaß
vermutlich ja. Auch Katholiken lassen das alteuropäische Modell aus
Glaubensbefehl und -gehorsam hinter sich. Dieses Modell der Religion als
Gnadenanstalt, in die man ungefragt hineingeboren wird oder der man sich
unterwirft, kann die Moderne nicht mehr akzeptieren. Die evangelische Kirche
lässt mehr Subjektivität zu.
FOCUS: Müsste
die katholische also protestantischer werden?
Ebertz: Sie hat sich doch
schon stark protestantisiert. Dafür gibt es Beispiele, etwa bei Kirchenliedern.
Früher wurde gesungen: Ich will die Kirche hören. Heute heißt
es an gleicher Stelle: Ich will Gottes Lehren folgen.
FOCUS: Eine Folge
des letzten Konzils?
Ebertz: Es hat Religionsfreiheit
anerkannt. Wer dies tut, stellt sich freilich selbst zur Disposition und
erlaubt dem Individuum, frei zu wählen. Er sagt auch, dass es viele
Heilswege gibt.
FOCUS: Wird das generell
akzeptiert?
Ebertz: Nein. Vor allem
einfache Leute erwarten diese Freiheit nicht, sondern klare Anweisungen.
FOCUS: Was geschieht,
wenn die Mehrheit sich nichts mehr vorschreiben lassen will, die Kirche
aber weiter die Wahrheit beansprucht?
Ebertz: Das modern Leben
lässt sich nicht mehr unter die Regie einer Religion stellen. Viele
Daseinsbereiche sind frei von religiöser Kontrolle. Die Kirche ist
nur noch einer unter vielen Daseinsbereichen.
FOCUS: Mit welchen
Folgen?
Ebertz: Die Kirchenreligion
ist nur noch eine Perspektive, eine wichtige Anregung. Aber man kann sie
nicht 1 : 1 ins I.eben übersetzen. Jede Religion, die dies versucht,
verliert an Glaubwürdigkeit. Sie wird als totalitär erlebt, als
Sekte, die alles vorschreibt, kontrolliert und sanktioniert.
FOCUS: Nichts für
die Mehrheit?
Ebertz: Absolut nicht, Die
Kirchen sind im Vergleich zu Sekten liberale Organisationen geworden. Sie
kennen heute keine wirklichen Sanktionen.
FOCUS: Zumindest für
die nicht, die nicht direkt von ihnen abhängen.
Ebertz: Ja, weil es auch
das geschlossene Milieu nicht mehr gibt. Früher war ja selbst die
Freizeit konfessionell geprägt. Man tanzte katholisch. Man spielte
katholisch Fußball.
FOCUS: Warum treten
aus der evangelischen Kirche mehr aus als aus der katholischen?
Ebertz: Die Reformation
hat eine Tradition des Christentums ohne Kirche eingeleitet, die sich unter
heutigen Bedingungen -jenseits des Obrigkeitsstaats zuspitzt.
Die katholische Kirche ist
international attraktiv, auch wenn viele sie nicht für glaubwürdig
halten. Eine These wäre, katholisch ist spannender, weil man dort
noch immer mit Forderungen konfrontiert wird, so und nicht anders zu leben,
bis hin zum Sexualleben. Worüber kann man denn noch in der evangelischen
Kirche reden? Da ist keine kommunikative Spannung mehr.
FOCUS: Das würde
etwas mehr Hoffnung für die katholische Kirche bedeuten?
Ebertz: Wenn diese Spannung
erzeugt wird. Sie erhebt einen Höchstanspruch, von dem jeder weiß,
dass er nicht lebbar ist. Das wirft Fragen und Probleme auf, schafft deshalb
Kommunikation.
FOCUS: Ein Grund zu
bleiben?
Ebertz: Einer. Viele bleiben
aber auch aus Pietät, aus Rücksicht auf die Eltern. Wenn dieses
Verhältnis gestört ist, treten sie aus. Ein weiterer Punkt ist,
dass Kirchenmitgliedschaft im Westen noch immer sozial konform ist.
FOCUS: Wird heute
noch jemand geächtet, der ausgetreten ist?
Ebertz: Es gibt schon noch
Boykott. Man schneidet sie. Das wissen jene gut, die in den 30er Jahren
Nazis und in den
50ger Sozialisten wurden.
FOCUS: Das gilt aber
nicht mehr.
Ebertz: Kirche eröffnet
und kontrolliert Lebenschancen, z. B. Kindergartenplätze! In Deutschland
gibt es große Zustimmung zur Kirche als Sozialkirche. Man zahlt Kirchensteuer
und macht sich die Hände nicht schmutzig, weil die Kirchen Alte und
Kranke pflegen, Kinder, Jugendliche und Randgruppen betreuen. Zweitens
feiern die Familien in den großen religiösen Festen der Kirche
wie Weihnachten sich selbst. Das gilt selbst für Menschen, die nicht
einmal mehr gottgläubig sind.
FOCUS: Ist es also
den Kirchen egal, ob sie nur Mitglieder oder auch Gläubige haben?
Ebertz: In der Tat ist die
Kirche im soziologischen Sinn keine Überzeugungsgemeinschaft. Kirche
ist eine Sozialform, die Gläubige und Ungläubige vereinigt, die
offen für alle ist und jedem etwas bietet. Sie muss deshalb auch jeden
individuell ansprechen.
FOCUS: Leben wir somit
in einer christlich geprägten Kultur mit christlichen Kirchen, aber
ohne Christen?
Ebertz: Wir leben in einer
überlieferten Ordnung mit einer abgesunkenen Christlichkeit unter
modernen Bedingungen. Wir haben eine christentümliche Kultur, in der
die Kirchen noch immer etwas bieten, wofür es keinen Ersatz gibt,
aber geschwächt sind. Es handelt sich weniger um Entchristlichung
als um Entkirchlichung.
FOCUS: Kann das auf
Dauer halten?
Ebertz: Man kann auch Integration
über Fragen schaffen, wenn Gott nicht anders als in Fragen zu begreifen
ist.
FOCUS: Wären
wir dann wieder bei der mehr mystischen Kirche?
Ebertz: Suchen und fragen
ist eine Grundhaltung der Mystik.
(Aus Focus
14/99)
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