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Eugen Drewermann (geb.1940) ist ehemaliger katholischer Priester und arbeitet als Psychotherapeut. Mit seinen Büchern und Äußerungen steht er im Mittelpunkt kontroverser Debatten. Aufgrund seiner Kirchenkritik erhielt er 1991 Lehrverbot. 1992 wurde ihm das Predigen und die priesterliche Tätigkeit ebenfalls untersagt. Drewermann kann als Religionskritiker gesehen werden, der die Religion nicht abschaffen, sondern deren Heilsversprechen neu herausarbeiten will. Im Sommer 2005 trat Drewermann aus der katholischen Kirche aus.

 

»So wird man Bibel und Glaube nicht gerecht«
Warum tritt jemand aus der katholischen Kirche aus? Fragen an den suspendierten Priester Eugen Drewermann

(Publik-Forum 27.1. 2006)

Publik-Forum: Was waren die Hauptmotive für Ihren Austritt aus der katholischen Kirche?

Eugen Drewermann: Seit fünfzehn Jahren darf ich weder lehren noch mein Priesteramt ausüben. Ein Sakrament hätte ich nur empfangen können, wenn ich das, was mir wichtig ist, öffentlich als Sünde wider den rechten Glauben zurückgenommen hätte. Doch das, was in den Augen der Kirche eine Sünde ist, ist mir ein Hauptanliegen: die Botschaft Jesu so zu übersetzen, dass sie die seelische Not der Menschen berührt, die Unmenschlichkeit im öffentlichen Leben reduziert und im Gespräch der Kulturen integrierend wirkt. Auch sind mir die Erhaltung des Friedens, der Umwelt- und der Tierschutz zentral wichtig. Pazifismus, Vegetarismus und eine Relativierung der Rechte des Homo sapiens zu Gunsten der Überlebensinteressen der Tiere an unserer Seite waren nie ernsthafte Themen kirchlicher Verkündigung. In keinem dieser Punkte habe ich die katholische Kirche als wirklich offen für ein Gespräch erlebt.

Publik-Forum: Sie sind mit Ihren Anliegen gegen eine Mauer gerannt?

Drewermann: Schlimm ist die Schizophrenie, die das kirchliche Dogma bewusst herbeiführt: dass die Interpretation der Bibel und der christlichen Glaubensinhalte nicht symbolisch erfolgen darf, sondern nur ideologisch im Sinne objektiver Dogmen oder historischer Fakten. Die philosophische Aufklärung des 18. Jahrhunderts hat diese Kirche bis heute nicht an sich herangelassen und die psychologische Aufklärung schon gar nicht. Allein unter Papst Johannes Paul II. fanden 30.000 Teufelsaustreibungen im Vatikan statt. Wie will man die Botschaft Jesu therapeutisch auslegen, wenn aus der Psychologie der Menschen eine fleischliche Dämonologie wird? So wird man Bibel und Glaube nicht gerecht. Es bleibt da nur die Wahl: entweder in unaufgeklärter Weise systemangepasst zu glauben oder auf aufgeklärte Weise in den Unglauben abzudriften. Die Synthese von Glauben und Denken, die ich von der Botschaft Jesu her geradezu als verpflichtend erlebe und die mein ganzes theologisches Denken prägt, sehe ich von der katholischen Kirche fundamental verraten. Der Philosoph Hegel meinte dazu: »Der Katholizismus macht aus Gott ein Ding«, er hat »den Geist auf ungeistige Weise«. So ist es!

Publik-Forum: Sie haben lange ausgehalten in der Kirche.

Drewermann: Ich bin fünfzehn Jahre formell Kirchenmitglied geblieben wegen der Menschen, die in dieser Kirche und an dieser Kirche leiden. Ich war in der Kirche gegen die Kirche. Aber man kann nicht auf Dauer den eigenen Glauben für andere leben, von dem man zugleich weiß, dass er in diesem System Kirche verurteilt wird. Ich war nie davon ausgegangen, dass die Kirche reformierbar sei, allenfalls hoffte ich, dass es in ihr Räume der Duldung gäbe, in denen Menschen mit ihren Nöten leben dürften.

Publik-Forum: Das heißt: Sie sind nicht nur resigniert, Sie erleben sich in dieser Kirche als grundsätzlich gescheitert?

Drewermann: Ich war immer der Meinung, dass das Anliegen Jesu in einem grotesken Verhältnis steht zu den Aufführungen der römischen Kirche, dass es einen Verrat im Kern bedeutet, wenn man die Frage, was religiöse Wahrheit sei, nicht mit dem Leben der Menschen in Verbindung bringt, sondern an den Besitz des Amtes durch Priester, Bischöfe und Kardinäle knüpft. Es ist ein Irrweg im Ganzen, wenn man die Subjektivität, die zum Glauben gehört, einfach delegiert an die objektive Übereinstimmung mit bestimmten kirchlichen Formeln und Riten. Was mit den Augen Jesu betrachtet wäre so schlimm, daran zu scheitern? Sich selbst, seine Wahrheit Gott zu verraten ist unendlich viel schlimmer, als auf äußere Weise nicht erfolgreich oder siegreich zu sein. Unsere Aufgabe ist es, für uns selbst geradezustehen; was daraus wird, steht dann bei Gott.

Publik-Forum: Fühlen Sie sich im Stich gelassen von anderen Theologinnen und Theologen, die Ihren Gedanken durchaus wohlwollend bis zustimmend gegenüberstehen?

Drewermann: Das ist im Grunde nicht mein Problem gewesen. Aber man kann aus der Sache Jesu keine Angelegenheit des Dozierens auf kirchlich und staatlich besoldeten Lehrstühlen oder Amtssitzen machen. Fragen des Lebens kann man nicht auf Angelegenheiten des Lehrens reduzieren. Das ist eine Entfremdung im Ganzen. Die Doktrin wird dann wichtiger als die Frage, wie jemand lebt. Jesus wollte aber keine neue Dogmatik aufblättern, sondern unser Leben ändern. Deshalb war ich nie »Professor« der Theologie »Privatdozent« war gerade noch erträglich. Die akademische Theologie ist von der prophetischen Botschaft Jesu so weit entfernt wie die Kirche, der sie dient.

Publik-Forum: Sie sind jetzt ein freier Theologe?

Drewermann: Das war ich immer. Aber jetzt will ich dieses unmenschliche System nicht mehr länger auf menschliche Weise erklären. Man will dort den Aberglauben, man will die Entfremdung, man will die Fügsamkeit, man will die Abhängigkeit. Die wesentliche Frage aber lautet nicht: Was will der Papst? Die wesentliche Frage lautet: Was sind wir für Menschen? Und wie gehen wir miteinander um?

Publik-Forum: Und wenn man Ihnen jetzt einen überzogenen Individualismus vorwirft und die Ablehnung jeder Glaubensgemeinschaft?

Drewermann: Ich finde, dass Gemeinschaft damit anfängt, dass Menschen einer wirklichen Person begegnen und nicht Interessenvertretern, die Gott auf archaische Weise mit dem »Geist« oder Ungeist ihrer Bezugsgruppe verwechseln. Ich habe darunter gelitten in der katholischen Kirche, dass es nicht möglich war, mit entscheidenden Amtsträgern von Person zu Person zu reden. Die ideologischen Zwänge waren stets wichtiger als das persönliche Zeugnis. Im Vordergrund standen immer Kontrollfragen. Muss man, um Weihnachten zu erklären, glauben, dass Maria biologisch eine Jungfrau war? Ich glaube nicht! Leugnet man die Auferstehung, wenn man sagt, dass man dabei nicht an ein physikalisch leeres Grab Jesu glauben muss? Ich glaube nicht! Indem aber die Kirche das Gegenteil behauptet, reduziert sie die Botschaft auf historische Fakten, wodurch ihr ganzer Glaube im Grunde nichtssagend wird. Dabei besitzen die Bilder der Bibel und die Riten des Christentums zweifellos eine großartige Kraft, Menschen anzuziehen und zusammenzuführen. Das kann nur in Freiheit geschehen, im Bewusstsein der daseinsdeutenden Kraft dieser Symbole, aber in Abkehr von jedem Versuch einer zwanghaften Festlegung Gottes auf Menschenwort. Wir brauchen Zeichen, aber Gott ist der Bezugspunkt von allem, und ehe er nicht wie in der Mystik im Herzen des Einzelnen redet, gibt es keine wahre Gemeinschaft.

Publik-Forum: Das heißt, Sie setzen auf die alltägliche Begegnung im Leben und halten die Kirche für überflüssig?

Drewermann: Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samariter sagt nur eines: Folge deinem Herzen, das dich lehrt, Mitleid zu haben mit einem Menschen in Not. Und hör auf, dem Priester hinterherzulaufen, der dich nur in den Tempel führt. Da wohnt Gott nicht! Der Glaube, dass Jesus eine Kirche gegründet habe, ist grotesk.

Publik-Forum: Was sagen Sie denen, die die Kirche nach wie vor reformieren wollen die Kirchenvolksbewegung oder die Initiative Kirche von unten zum Beispiel und dabei auch auf Sie gesetzt haben?

Drewermann: Es gab nur eine Reformation, die von 1517. Drei Jahre später ging der Reformator Martin Luther zum Reichstag in Worms und erklärte: Hier stehe ich als Person, und ich sage, was ich sehe, denke, fühle und glaube. Punkt! So beginnen Reformationen. Aber nicht, indem man Mehrheiten organisiert. Es gibt kein Christentum unterhalb der Freiheit des individuellen Lebens! Haben die Reformbewegungen in all den Jahren ihres Bestehens je das Ohr derer erreicht, die sie verändern wollen? Nein. Mein Problem ist: Niemand, der jetzt lebt, kann darauf warten, ob ihm irgendeine römische Behörde das eigene Leben erlaubt oder nicht. Ob sich einer scheiden lässt oder nicht oder eine andere Frau heiratet, kann nicht von der Einsichtsfähigkeit Roms abhängen. Das muss er selber wissen.

Publik-Forum: So handeln ja auch viele, trotzdem bleiben sie in der Kirche.

Drewermann: Das geht nur mit Doppelbödigkeit. Ich habe für jeden Verständnis, der zum Beispiel zur Kommunion geht, obwohl er es offiziell nicht dürfte. Aber das war für mich keine Lösung, weil ich eine öffentliche Person dieser Kirche war. Irgendwo musste ich dieses System Kirche ja ernst nehmen. Der letzte Anstoß, aus der Kirche auszutreten, war, wenn Sie so wollen, der Rentenbescheid. Um meine sehr miserable Rente zu bekommen, musste ich eine Erklärung unterschreiben, dass ich nie wieder mein Priesteramt ausüben werde. Nun denn, so brauche ich jetzt endgültig das nicht mehr zu repräsentieren, worin ich mich selbst nicht mehr repräsentiert fühle. Diese Freiheit wünsche ich jedem.

Publik-Forum: Die evangelische Kirche ist für Sie auch keine Alternative?

Drewermann: Die evangelische Kirche sagt vieles von dem, was mir wesentlich ist: Sie betont die Freiheit des Einzelnen und hat die Ehrlichkeit der Bibellektüre gefunden. Vor allem: Sie weiß um die absolute Notwendigkeit der Gnade vor allen Fragen der Moral und des Rechts. Aber bekanntlich war Jesus weder katholisch noch protestantisch. Es ist so einfach, Mitglied einer Institution zu sein; doch Christ zu werden ist etwas anderes.

Publik-Forum: Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?

Drewermann: Ich werde weiter als freier Seelsorger tätig sein, außerdem weitere Bücher schreiben, in denen ich über meine Erfahrungen Rechenschaft ablege, und Vorträge halten. Im Sommer wird ein umfangreicher Band über das Verhältnis von Neurologie und Theologie erscheinen.

Publik-Forum: Und Ihre finanzielle Situation?

Drewermann: Zum Glück bringen die Bücher noch genügend ein, so dass ich meine Beratungsgespräche weiterhin unentgeltlich führen kann.

Publik-Forum: Ihr derzeitiger Gemütszustand in einem Satz?

Drewermann: Ich fühle mich wohl und bin dankbar.



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