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Über die ethischen Gemeinsamkeiten der großen Religionen

 
Hans Küng (* 1928), katholischer Theologe, Priester und bekannter religionsphilosophischer Autor. Er ist Initiator und Präsident der Stiftung Weltethos. In einem Interview erklärt er die Gemeinsamkeiten der Religionen.

 

Frage:
Welche ethischen Gebote haben denn die großen Religionen gemeinsam?

Küng:
Ja, da sprechen Sie nun etwas an, was mir - neben der Allianz von Gläubigen und Ungläubigen - besonders wichtig ist, nämlich, dass die verschiedenen großen Religionen Gemeinsames haben trotz aller Verschiedenheit...
Es gibt drei große Flusssysteme der Religionen der Menschheit, wenn wir jetzt die Hochreligionen anschauen, die ersten kennen alle, die sind im Nahen Osten geboren, das sind die prophetischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Wenn man weitergeht nach Osten, die Religionen indischen Ursprungs, die haben keinen prophetischen Charakter, sondern einen mystischen Charakter, die gehen nach innen, die sind auf Meditation aus, das ist Buddhismus - sofern man da von Gottesglauben reden kann - das ist der Hinduismus, die verschiedenen Hindureligionen, und es gibt ein drittes großes Flusssystem, das sind die Religionen chinesischen Ursprungs, das sind Weisheitsreligionen, da ist der höchste Typus nicht der Prophet und nicht der Mystiker, sondern der Weise. Das ist der Konfuzianismus, der Taoismus, und wenn Sie mich jetzt fragen: Was ist denen allen gemeinsam, dann glaube ich, und habe ich auch untersucht, und werden mir auch Fachgelehrte bestätigen, dass es einige elementare Imperative gibt, die all diesen Religionen gemeinsam sind. Also gerade das, was heute abhanden gekommen ist:

  • Du sollst nicht töten.
  • Du sollst nicht stehlen.
  • Du sollst nicht lügen.
  • Du sollst Deine Eltern ehren, was sicher auch das Gegenteil besagt: Die Eltern sollen auch die Kinder ehren...
  • Wenn ich verletzt werde in meiner Menschenwürde, dann sage ich doch: Das ist unmenschlich, wie behandelt denn der mich? Also das sind Normen der Menschlichkeit, die alle großen Religionen verteidigen.
     


    Lassen sich diese Gemeinsamkeiten in einer Regel zusammenfassen?
    Ja, das läßt sich zusammenfassen, das ist auch in allen Religionen in irgendeiner Form da. Wir haben deutsch ja die Formulierung: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Diese Regel, dem andern nichts Böses zuzufügen, was man sich selber nicht angetan haben möchte, findet sich schon ein halbes Jahrtausend vor Christi Geburt beim chinesischen Weisen Konfuzius. 

    Und diese Regel findet sich auch beim großen Rabbi Gamaliel, der kurz vor Christi Geburt gewirkt hat, negativ formuliert, was du nicht willst, dass man dir tu, das tu auch du nicht, und die große positive Formulierung stammt von Jesus von Nazareth in der Bergpredigt: Tu das den andern, was du selber möchtest, dass man dir tun möge. 
    Das ist die sogenannte Goldene Regel, und wenn die angewendet würde, wenn die sozusagen oberste Norm wäre, dann hätten wir etwas, das auch im Einzelfall und im konkreten Fall uns helfen würde, die konkreten Entscheidungen zu treffen. Also das wäre eine generelle Regel, diese Goldene Regel, die für Ungläubige und Gläubige, Menschen verschiedener Religionen und Weltanschauungen, für alle akzeptabel wäre.
     

    Sie haben von den Unterschieden in den Dogmensystemen gesprochen - was könnten denn die einzelnen Weltreligionen voneinander lernen? Oder wo haben sie ihre Defizite?

    Grundsätzlich würde ich sagen: Es gibt keine Religion, die vollkommen ist. Es gibt keine Religion, die allein die Wahrheit hat. Es gibt keine Religion, die nicht auch von anderen lernen kann. Ich gebe Ihnen jetzt nur ein Beispiel: Sicher können die indischen Religionen etwas lernen von dieser unvergleichlichen Betonung der Wichtigkeit der menschlichen Person, die auf keinen Fall zum Mittel gemacht werden darf. Aber umgekehrt können wir als Christen, Juden oder Muslime sehr viel von den indischen Religionen lernen, die ein ganz anderes Verhältnis haben zur nichtmenschlichen Natur. Wir haben ja oft die Tiere behandelt in einer Weise, als ob das nur unsere Objekte wären. Wir haben sie tyrannisiert, schikaniert, gequält - das alles ist doch von einer Haltung her, die auch in der Natur diese Verbindung mit der Gottheit sieht, nicht so leicht zumachen, und insofern darf der Unterschied zwischen Mensch und Tier nicht übertrieben werden, auch der Unterschied zwischen Tier und Pflanze nicht, ein anderer Umgang mit der Natur drängt sich vom Buddhismus her auf, das ist so ein Beispiel, wie beide Seiten voneinander lernen könnten.
     
     

    Könnten Sie sich vorstellen, dass dieser fruchtbare Austausch zwischen den Religionen institutionalisiert würde?

    Ja, das kann ich mir vorstellen. ...

    Ich persönlich habe im Buch "Weltethos" den Standpunkt vertreten, der, glaube ich, sehr viele überzeugt hat und der viel Zustimmung auch bei Juden, Muslimen und anderen Religionen findet, nämlich dass es sich nicht ausschließt, dass ich von meinem eigenen Weg überzeugt bin, dass ich überzeugter Christ bin, dass das nicht ausschließt, dass ich den anderen ganz ernst nehme, der ein überzeugter Jude ist, ein ganz überzeugter Muslim oder Hindu oder Konfuzianer.

    Aber sie haben sehr wohl verstanden, wenn ich sagte ich komme als überzeugter christlicher Theologe und ich möchte mehr vom Islam verstehen und ich möchte für die Verständigung von Christen und von Muslimen arbeiten. Also Sie sehen: Standfestigkeit im Eigenen und Dialogbereitschaft mit dem Anderen schließen sich nicht aus, im Gegenteil, das ist meines Erachtens die einzige Möglichkeit, um den anderen auch ihre Überzeugung zulassen und zur Verständigung zu kommen, denn das Ziel ist ja nicht, dass jeder bleibt, wie er ist, sondern dass man voneinander lernt, dass man aufeinander zukommt, dass man einander sich annähert und dass man, worauf es mir praktisch ankommt, dass wir den Frieden zwischen den Religionen finden als Voraussetzung für den Frieden zwischen den Nationen...
     

    Wie kann man der Verführung des Fundamentalismus - und da gibt's ja Strömungen auch in allen Religionen - wie kann man der Verführung widerstehen? Was kann man da tun?

    Schauen Sie mal, der Fundamentalismus ist eine Reaktion - normalerweise. Das ist nicht einfach so gegeben. Eingläubiger Mensch ist ja nicht von Haus aus totalitär oder gegen die anderen. Aber es gibt eine Situation des Konfliktes, die dann entsteht, wenn ein solcher Mensch vor eine Herausforderung gestellt wird, mit derer nicht fertig wird. Und da gibt es die Herausforderung der Moderne, der Aufklärung, der neuen Zeit, die Toleranz erlangt, die verlangt, dass man sich ändert. Das ist nicht einfach. Das muss man lernen. Wir Christen haben auch lange Zeit gebraucht, selbst die Reformatoren haben das nicht gebracht, das hat erst die Aufklärung gebracht, dass wir tolerant sind. Also die ganze moderne Zeit bedeutet für viele Menschen eine Gefährdung, und dann fangen sie an zu sagen: Ja, wir müssen uns wieder auf die Fundamente besinnen, und sie klammern sich dann fest an den Glauben wie an Ziegelsteine und merke nicht, dass eben die Glaubenswahrheiten keine Ziegelsteine sind, die man weitergeben kann unverändert wie Ziegelsteine. Glaubenswahrheiten müssen ja ständig neu verstanden werden.

    Ich hab ein Büchlein über das apostolische Glaubensbekenntnis, "Credo", geschrieben und deutlich gemacht, dass wir jedes Wort des Glaubensbekenntnisses neu verstehen müssen. Ich muss das Wort Gott neu verstehen, Vater neu verstehen, Schöpfer neu verstehen, aber auch das Wort Himmel muss ich neu verstehen, das Wort Erde. Also das ist die Herausforderung, die da ist, und wenn sich bei einem einzelnen Menschen, zum Beispiel aufgrund der Erziehung oder der Entwicklung, eine Leere einstellt, mit zwei e geschrieben, dann ist die Gefahr groß, dass ein Kippen ins Gegenteil erfolgt. Viele Fundamentalisten werden Ihnen sagen: Wissen Sie, ich war ja mal ganz ungläubig, aber jetzt weiß ich, woran ich mich halten soll. Das ist eine gefährliche Einstellung, und deshalb bräuchte es einen Weg der vernünftigen Mitte, dass man nicht einfach die Glaubenswahrheiten weitergibt wie Ziegelsteine - das ist der Fundamentalismus - aber auch nicht, dass man die Glaubenswahrheiten wegwirft, als ob es keine Wahrheiten wären, sondern dass man sich diese Wahrheiten neu überlegt, dass man, wie in andern Wahrheiten auch, nun eben erwachsen wird Ja, wenn ich mir das so simpel vorstelle wie ich mir das als Kind vorgestellt habe, irgendwo da einer da oben - wenn ich das nicht sehe, dass das Dimension "unendlich" ist in unserem Leben, und dass die Dimension "unendlich" nicht nur eine mathematische Konstruktion ist , sondern eine Realität, auf die ich mich vernünftigerweise einlassen soll, die ich nicht beweisen kann wie,' den Satz des Pythagoras, wohl aber Gründe dafür anführen kann, warum es sinnvoll ist, sich auf eine solche letzte und erste Wirklichkeit einzulassen, die man mit dem Namen Gott bezeichnet - wenn man das alles nicht sieht, so ist, glaub ich, der Mensch ohne Basis in seinem Leben. Dann weiß er nicht, wofür er lebt, wofür er sich einsetzen soll. Insofern müsste man wieder neu erfahren, dass Religion dem Menschen einen Sinnhorizont eröffnet, wenn sie eine aufgeklärte Religion ist, dass sie ihm Maßstäbe - non negociable standards - in die Hände gibt, dass sie ihm eine geistige Heimat schenkt.
     

    Sich auf das Unendliche einzulassen macht doch Angst?...

    Das ist eine gute Frage. Ich meine, dass es Angst machen kann, wenn man nicht weiß, was dieses Unendliche ist. Insofern ist es gut, wenn man nicht nur philosophiert sondern auch mal wieder die Bibel zur Hand nimmt. Da wird nicht abstrakt von einem Unendlichen geredet. Wenn ich bete, dann bete ich ja auch nicht "Du Unendliches". Da bete ich. eben "Vater unser, der Du bist im Himmel". Ich darf das Wort nicht naiv verstehen: Wir müssen heute Gewicht darauf legen, dass Gott nicht männlich ist, dass man im Grunde auch sagen kann: "Vater und Mutter" zu Gott. Das ist alles möglich, aber wir haben im Grunde nur personale Worte, wenn wir das ausdrücken wollen, was uns am nächsten ist. Dann reden wir von väterlich, wir reden von mütterlich, wir reden von kindlich, insofern brauchen wir solche Namen. Wenn wir das Neue Testament lesen und wenn wir hören, was uns Jesus verkündigt hat, das Tröstliche daran ist, dass wir vor dem Unendlichen nicht Angst haben müssen. Dass wir selbst dann, wenn wir versagen, wenn wir moralisch uns nicht richtig verhalten haben, wir doch damit rechnen können, dass uns Verzeihung geschenkt wird, dass wir einen neuen Anfang wagen können, das sind Dimensionen, die wir lernen können, wenn man auf die konkreten biblischen Erzählungen, auf Jesu Parabeln und was er vorgelebt hat, sich einlässt.
     

    Aber all diese Wahrheiten, die Sie jetzt beschrieben haben, gehen natürlich über das allgemeine Humanum des Weltethos hinaus?

    Ja, das ist auch sehr wichtig. Es wäre ein großes Missverständnis, wenn man das Weltethos verstehen würde als etwas, was das Andere ausschließt. Das ist ja nur das absolute Minimum, das es halt braucht, wo man sich verständigen kann. Wir können nicht in einem Staat wieder Bundesrepublik vorschreiben, dass jeder sich die Bergpredigt zur Norm machen muss. Die Bergpredigt geht ganz entscheidend darüber hinaus. Wir können doch nicht vorschreiben, dass ich mit einem noch einen zweiten Kilometer gehe, der mich ohnehin schon aufgehalten hat! Die Bergpredigt ist so was wie ein Spitzenethos oder die Tiefendimension des Ethos, und insofern gibt es auch in andern Religionen solche Herausforderungen. Für mich als Christen gibt es kein größeres Ethos als das der Bergpredigt, was sozusagen das rein menschliche Ethos ist, ich würde sogar sagen, das Ethos der Bergpredigt ist die Radikalisierung dessen, was menschlich ist. Nicht wahr, die Probe des Menschlichen ist ja dann, wenn ich mit dem Unmenschlichen konfrontiert bin .Da hat natürlich die Bergpredigt ganz andere Antworten als ein rein humanes Ethos, der Jude Jesus von Nazareth hat gesagt, und da sehen Sie, was so eine einzige Parabel bedeutet, wenn ein Minister zu seinem Chef geht, und von dem eine große Summe, die er ihm schuldet, erlassen bekommen hat, und geht dann raus und hat da seinen kleinen Angestellten, und dieser kleine Angestellte schuldet ihm nur ganz wenig, und er den dann würgt und sagt: Bezahl, du Schuft, bis auf den letzten Pfennig!...also das wird da als verdammungswürdig dargestellt, und jetzt merkt man, was gemeint ist, ist dies: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Wenn wir ständig auf Vergebung angewiesen sind, sollten wir halt auch Vergebung weitergeben. Das alles sind Fragen, die weit über das hinausgehen, was ich philosophisch beweisen kann. Ich bin sehr für Philosophie, aber ich hab auch herausgefunden, dass es gar nicht so einfach ist, mit der reinen Vernunft zu beweisen, dass man sich menschlich aufführen soll. Da hat's der Christ leichter, der religiöse Mensch überhaupt - von seinen Glaubensurkunden her wird ihm das mit Motiven nahegebracht, warum man menschlich sein soll...."


    (Aus einem Rundfunk-Interview)
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