Stellungnahmen zur Bergpredigt

Die Bergpredigt (Mat. 5-7)
 
 
Kaum ein anderer Text des Neuen Testaments hat die Kirche durch ihre ganze Geschichte hindurch so beschäftigt wie die Bergpredigt. Bis heute kann die theologische Ethik nicht schlüssig klären, wie mit den radikalen Forderungen Jesu zu verfahren sei. 
Der evangelische Theologe Heinz Zahrnt(1915-2003) versucht diese Ansprüche zu erklären.

 

Heinz Zahrnt - Gottes Gerechtigkeit

"...Gleich die ersten Sätze weisen die Richtung und geben den Ton des Ganzen an. Im Gegensatz zur Sinaigesetzgebung Moses beginnt die Bergpredigt Jesu nicht mit einem Katalog von Geboten und Verboten: »Du sollst«, »du sollst nicht« -sondern mit lauter Heilrufen, den sogenannten Seligpreisungen. Sie sind eine Glückwunschadresse an die Unglücklichen. Es ist ein überraschender Haufe, an den Jesus seine Glückwünsche richtet - lauter Leute, denen sonst kein Mensch zu ihrem Leben gratulieren würde.

Es beginnt mit der Seligpreisung der Armen. Das Wort »Arme« ist zur Zeit Jesu ein feststehender Begriff. Er bezeichnet gleichzeitig eine religiöse Haltung und einen sozialen Zustand. Die Armen sind alle jene, die an die Grenze ihrer Möglichkeiten geraten sind und sich in Not befinden, die vor Gott und den Menschen nichts vorzuweisen haben und deshalb auf Hilfe angewiesen sind - Menschen, die Gott nötig, aber von Theologie keine Ahnung haben.
Darum gehören zu den Armen auch alle anderen, die Jesus glücklich preist: Die Leidtragenden, die sich von der Gesellschaft ausgeschlossen sehen; die Demütigen, die von den Starken an die Wand gedrückt werden; die nach Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden, die erleben müssen, dass Macht vor Recht geht; die Barmherzigen, die erfahren haben, dass Undank der Welt Lohn ist; die reinen Herzens sind und deshalb übers Ohr gehauen werden; die Friedensstifter, die zwischen die Fronten geraten; die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten, die sich fragen, ob aller Einsatz nicht vergeblich ist.

Für diese alle ergreift Jesus im Namen Gottes Partei. Sie sind Gottes Lieblinge, ohne irgendeine Bedingung oder Vorleistung von ihrer Seite, einfach aus Liebe und Erbarmen -weil sie arm sind.
Die Bergpredigt ist ein Angebot an alle: Den Armen wird das Reich Gottes verheißen; die Leidtragenden sollen getröstet werden; die Demütigen sollen das Erdreich besitzen; die nach Gerechtigkeit hungern, sollen satt werden; die Barmherzigen sollen Barmherzigkeit empfangen; die reinen Herzens sind, sollen Gott schauen; die Friedensstifter sollen Gottes Söhne heißen; die Verfolgten sollen belohnt werden.
So verschieden diese Verheißungen lauten, so meinen sie doch alle dasselbe: Erfahrung der Nähe Gottes und Teilhabe an seinem Reich.

Indem Jesus den Armen, den Elenden, den Trauernden, den Beleidigten, den Machtlosen, den nach Gerechtigkeit Hungernden und nach Frieden sich Sehnenden Gott zuspricht, eröffnet er denen, deren Leben aussichtslos erscheint, eine neue Zukunft. Diese findet nicht erst irgendwann im Himmel statt, sondern beginnt bereits auf der Erde.

Auf die Frage, wo Gott anzutreffen sei, antwortet die Bergpredigt: Überall dort, wo Menschen in Armut, Leid und Enge sitzen, wo Menschen sich für das Recht der Entrechteten einsetzen, wo Menschen an Menschen Barmherzigkeit üben, wo Menschen sich gegenüber Menschen menschlich verhalten, wo Menschen etwas für den Frieden in der Welt tun und wo Menschen um all dessen willen von anderen Menschen verlacht, verspottet und verfolgt werden - überall dort bricht Gottes Herrschaft an. Gott also geschieht zwischen den Menschen, aber es ist Gott, der zwischen den Menschen geschieht.
Wie Gott sich zu den Menschen verhält, geradeso sollen die Menschen sich zueinander verhalten. Darum folgen auf die Seligpreisungen mit ihrem bedingungslosen Zuspruch alsbald Forderungen mit einem ebenso unbedingten Anspruch. Beide bezeugen ineins den Willen Gottes. Die Gnade ist zwar umsonst, aber sie ist nicht billig! Derselbe Jesus, der den Menschen in den Seligpreisungen ohne Wenn und Aber Gott zuspricht, sagt gleich darauf: »Denkt nicht, ich sei gekommen, das Gesetz und die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.« Obwohl er das Sabbatgebot bricht, die Reinheitsvorschriften missachtet und die mosaische Erleichterung der Ehescheidung ablehnt, will Jesus dennoch das Gesetz und die Propheten nicht außer Kraft setzen, sondern sie im Gegenteil erfüllen.
In ihm selbst, in seiner Person und Botschaft, ist, was im Gesetz und bei den Propheten geschrieben steht, zur Erfüllung gekommen. 

Und so liest sich die Bergpredigt wie die Urkunde des von dem Propheten Jeremia verheißenen neuen Bundes, der den alten vom Sinai ablösen soll: »Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägypten zu führen - ein Bund, den sie nicht gehalten haben-, sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.«

Am Beispiel einiger Gebote zeigt Jesus, wie die neue Gerechtigkeit, die besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, aussieht. Unbekümmert um die Tradition und ohne seinen Anspruch zu begründen, nur kraft eigener Vollmacht, stellt er dem überlieferten Gesetz des Mose jeweils seine Auslegung des Willens Gottes in einer scharfen Antithese entgegen: »Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist - ich aber sage euch.«
Jesus radikalisiert das mosaische Gesetz, indem er durch den Wortlaut hindurch auf seinen Sinngrund, den Willen Gottes, vorstößt und aufdeckt, was ein Gebot jeweils zutiefst meint. Dabei lenkt er das Interesse der Menschen von ihrer eigenen Person weg auf den Nächsten. Es kommt nicht darauf an, ein Gebot formal zu erfüllen, sondern konkret Gott und dem Nächsten in Liebe zu dienen. Liebe ist allemal mehr als Recht, Ritus, Kult und selbst Moral.
Die Antithesen der Bergpredigt bilden keine Ergänzungsbestimmungen zu dem überlieferten Gesetz, um es auf die Höhe der Zeit zu bringen; sie bedeuten auch keine bloße Verbesserung der bisher geltenden Gerechtigkeit, sondern sind Beispiele der neuen Gerechtigkeit, die im Reich Gottes gilt.
 

Die jedes Mal wiederkehrende Formel lautet: »Nicht erst, sondern schon«; sie bezeichnet keine Steigerung, sondern einen Überstieg.
Nicht erst, wer mordet, tötet, sondern schon, wer seinem Nächsten zürnt, ihn beleidigt oder beschimpft. Darum: Wenn jemand seine Gabe auf dem Altar opfert und ihm dabei in den Sinn kommt, dass sein Bruder etwas gegen ihn hat, so soll er die Opferhandlung unterbrechen und sich zuerst mit seinem Bruder versöhnen. Und wenn jemand sich mit seinem Gegner auf dem Weg zum Gericht befindet, so soll er sich noch unterwegs mit ihm vertragen.
Nicht erst, wer die Ehe leiblich bricht, begeht Ehebruch, sondern schon, wer eine andere Frau begehrlich anblickt. Darum: Reiß dein Auge aus und hau deine Hand ab und wirf sie weg, wenn sie dich zum Abfall verführen!
Nicht erst, wer einen falschen Eid schwört, verstößt gegen Gottes Gebot der Wahrhaftigkeit, sondern schon, wer überhaupt die Ehrlichkeit eines Gelübdes oder einer Zeugenaussage mit einem Schwur bekräftigt. Darum: »Eure Rede sei: Ja, ja, nein, nein; was darüber ist, das ist schon böse.«

Den Höhepunkt bilden jene beiden Antithesen, in denen Jesus dem mosaischen Gesetz das Gebot der Gewaltlosigkeit und der Feindesliebe entgegenstellt. Hier wird die Liebe grenzenlos und die Steigerung vollends zum Überstieg.
»Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch, dass ihr dem Bösen überhaupt nicht widerstehen sollt.«
Auge um Auge, Zahn um Zahn - das ist das sogenannte ius talionis, der Grundsatz jedes nur denkbaren Rechts: Es dämmt die grenzenlose Vergeltung ein. Aber eben diese Grundlage allen Rechts wird von Jesus aufgehoben und ihr die strikte Forderung des Rechts- und Gewaltverzichts entgegengestellt. Die Liebe bedeutet nicht Grenze, sondern Ende der Vergeltung. Wie der Rechts- und Gewaltverzicht auszusehen hat, wird an vier extremen Fällen durchgespielt.
»Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, so halte ihm auch die andere hin.« Gemeint ist der Schlag mit dem Handrücken auf die rechte Backe des anderen, was als besonders entehrend galt. Wenn Jesus nun sagt, dass, wer einen solchen Schlag empfangen hat, auch noch die andere Backe hinhalten solle, so bedeutet dies den Verzicht auf die Wiederherstellung der eigenen Ehre.

»Wenn jemand mit dir vor Gericht gehen will und dir deinen Rock nehmen, dann lass ihm auch den Mantel.« Dieses Beispiel stammt aus dem Pfandrecht und besagt: Wenn jemand das Untergewand als Pfand haben will, so soll man ihm auch noch das wertvollere Obergewand dazugeben, ohne das einer nicht auf die Straße gehen konnte. Das bedeutet den freiwilligen Verzicht auf das, was einem rechtmäßig zusteht sogar über das juristisch festgelegte Existenzminimum hinaus.
»Wenn dich jemand zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen, so geh mit ihm zwei.« Diese Forderung spielt auf das Requisitionsrecht der römischen Besatzungsmacht an, durch das ein Jude zu Wegweiser- und Lastträgerdiensten gezwungen werden konnte. Wenn Jesus nun sagt, dass man über die geforderte eine Meile hinaus freiwillig zwei Meilen mitgehen solle, so bedeutet das den Verzicht auf politischen Widerstand.
»Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der von dir borgen will.« Dieser Satz führt über die eigentliche Rechtssphäre hinaus in den Bereich privater nachbarschaftlicher Verhältnisse. Er bedeutet den Verzicht auf das ängstliche Festhalten am Eigenen.
Zuinnerst verbunden mit der Forderung des Rechts- und Gewaltverzichts, diese womöglich noch übersteigend, ist Jesu Gebot der Feindesliebe: »Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für eure Verfolger, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet.«

Das Gebot der Feindesliebe steht vor einem doppelten Hintergrund, einem menschlichen und einem göttlichen.
Das normale Verhalten der Menschen zueinander ist durch das instinktive Denken im Freund-Feind-Verhältnis bestimmt, wie es sich aus der Notwendigkeit der Selbstbehauptung ergibt: Man hasst den Fremden, den Feind, und liebt den Gleichgesinnten, den Freund. Darum: »Wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr dann schon Besonderes?« Das tun auch die Heiden und die Zöllner.

Ganz anders dagegen verhält sich Gott: »Er lässt seine Sonne aufgehen über Gute und Böse und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.« Natur und Gnade spielen in diesem Bild zusammen: Auf sehr natürliche Weise, nämlich durch das Wetter, gibt Gott zu verstehen, dass er aller Menschen Vater sein will. Der Gott, der Sonne und Regen schickt, ist nicht der allmächtige Wettergott, der seine Gaben gleichgültig über alle Menschen ausschüttet oder sie nach Maß austeilt, den Guten die Sonne zur rechten Zeit und den Bösen den Regen zur Unzeit, sondern es ist der Gott, dessen Allmacht die grenzenlose Macht seiner Liebe ist und der seine Gaben deshalb nicht nach dem Proporz des Freund-Feind-Verhältnisses aufschlüsselt.

Aus dieser Freigebigkeit Gottes, aus seiner göttlichen Generosität, ergibt sich für Jesus das Gebot der Feindesliebe. Sie ist das Abbild der alle Grenzen überschreitenden Vaterliebe Gottes. Wie Gottes Liebe keine Unterschiede macht, sondern grenzenlos ist, so sollen auch die Menschen in ihrer Liebe   grenzenlos sein und keine Unterschiede machen. Diese Grenzenlosigkeit kann sich nicht drastischer erweisen, als wenn die Liebe auch den Andersartigen, den Feind, umgreift. Darum stellt Jesus der zweiseitigen, differenzierenden Regel der Allgemeinheit: »Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen«, die einfache, nicht differenzierende Forderung des Reiches Gottes entgegen: »Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für eure Verfolger!«

Als vorzüglichste Gelegenheit, die Feindesliebe zu bewähren, nennt Jesus das Gebet. Damit korrigiert er unausgesprochen die Haltung jeder Art von Rachegebeten, ob im alttestamentlichen Psalter oder in der zeitgenössischen Apokalyptik. In ihnen stellt sich der Beter vor Gott gegen den Feind. Bei der Fürbitte für den Feind hingegen schließt er sich vor Gott mit seinem Feind zusammen. Hier gilt die Regel: Vor Gott sind alle Menschen gleich - nicht weil sie von ihm alle gleich geschaffen, sondern gleich geliebt sind.

Zur Forderung der Gewaltlosigkeit und zum Gebot der Feindesliebe gesellt sich die Warnung vor dem Richten: »Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!« Jesus kleidet seine Warnung in ein groteskes Bild: »Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders und nimmst nicht den Balken in deinem eigenen Auge wahr? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; erst danach sieh zu, wie du den Splitter aus dem Auge deines Bruders ziehst.« Wer bedenkt, dass Gott ihn nach dem gleichen Maß richten wird, nach dem er seine Mitmenschen richtet, dem vergeht alle Lust zum Richten.
Jesu Auseinandersetzung mit dem überlieferten Gesetz mündet in die sogenannte »Goldene Regel«: »Alles nun, was ihr wollt, das euch die Menschen tun, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten:« Damit wird dem Gesetz sein wahrer Gottessinn zurückgegeben. Wer sich danach richtet, benötigt keine kasuistischen Weisungen mehr, die bis ins einzelne gehen - er weiß, worauf es in jedem Fall ankommt.

Alles in allem: Wie Gott sich in seiner Liebe allen Menschen zugewandt hat, so soll auch der Wille des Menschen in ungeteilter Liebe auf Gott gerichtet sein. Darin spiegelt sich Gottes Vollkommenheit wider, und die Menschen werden zu dem, was sie sein sollen: Gottes Söhne und Töchter. »Darum seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.«

Am Ende der Bergpredigt stellt Jesus die Hörer gleichsam an einen Kreuzweg. Er legt ihnen zwei Wege vor. Der eine geht durch eine weite Pforte und ist breit, führt aber ins Verderben; der andere geht durch eine enge Pforte und ist schmal, führt aber ins Leben. Die Menschen haben die Wahl zwischen diesen beiden Wegen. Und Jesus warnt: »Es werden nicht alle, die >Herr, Herr!< zu mir sagen, ins Reich Gottes eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters tut.«
Wes Geistes Kind jemand ist, wird man an seinen Taten erkennen, wie umgekehrt die Taten auf seinen Geist zurückschließen lassen. Es verhält sich damit wie mit einem Baum und seinen Früchten: Ein gesunder Baum trägt gute Früchte, aber ein kranker Baum trägt schlechte Früchte; ein gesunder Baum kann keine schlechten Früchte tragen, und ein kranker Baum kann keine guten Früchte tragen. Darum: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen!
Die Bergpredigt schließt mit dem Bild vom Hausbau: Wer Jesu Worte hört und sie tut, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen kam und Wind und Wasser über das Haus herfielen, da fiel das Haus  nicht, weil es auf Fels gegründet war. Wer Jesu Worte nicht hört und tut, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen kam und Wind und Wasser über das Haus herfielen, da fiel das Haus, und sein Sturz war gewaltig.

Mit diesem Bild erinnert Jesus an das architektonische Grundgesetz allen Lebens: dass das Fundament wichtiger ist als der Bau. Es kann einer ein Haus bauen und ihm einen festen Boden geben - das genügt jedoch nicht. Vielmehr muss auch der Boden des Hauses auf einem sicheren Grund ruhen - erst dann kann man sagen, dass das Haus ein stabiles Fundament habe. Diesen Grund aber kann der Mensch nicht selber legen. Der Apostel Paulus sollte dies später so ausdrücken: »Einen ändern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.«
»Und es geschah, als Jesus diese Rede vollendet hatte, entsetzte sich die Menge über seine Lehre. Denn er lehrte wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten. « Das haben auch die Schriftgelehrten gespürt - und eben diese Vollmacht in Frage gestellt: Ketzer oder Zeuge? - das ist die Frage, eine Frage auf Leben und Tod...."
 
 

(H. Zahrnt: Jesus aus Nazareth. Ein Leben, München 1989, S.164 ff))


 
 

"...Sind die Forderungen der Bergpredigt erfüllbar oder nicht?

Diese Frage hat die Christenheit durch ihre Geschichte begleitet, von den Tagen der Urgemeinde an bis in unsere Gegenwart. Und sie hat verschiedene, teilweise widersprüchliche Antworten daraufgegeben, abgestuft von einem radikalen Ja bis zu einem energischen Nein:

1. Die Bergpredigt fordert »nur« eine neue Gesinnung, fragt aber nicht nach der Möglichkeit ihrer Verwirklichung. - Richtig daran ist, dass die innere Umkehr für Jesus in der Tat die Voraussetzung allen Tuns bildet, falsch aber, dass es ihm nicht auf das Tun ankomme.

2. Die Bergpredigt will »nur« ein Spiegel sein, in dem der Mensch seine Sünde erkennt und seine Zuflucht dann zum Kreuz Christi nimmt. - Richtig daran ist, dass die Bergpredigt dem Menschen in der Tat sein sündiges Wesen und Tun vor Augen hält, falsch aber, dass sie damit auf Jesu Kreuzestod verweisen wolle.

3. Die Bergpredigt richtet sich »nur« an einen elitären Kreis, an solche, die mit ganzem Ernst Christen sein wollen.
- Richtig daran ist, dass die Jüngergemeinde in der Tat der Adressat der Bergpredigt ist, falsch aber, dass es innerhalb ihrer eine Abstufung gibt zwischen den einen, für die nur die Zehn Gebote (mandata) gelten, und den anderen, die sich zum »großen Gehorsam« auch gegenüber den radikalen Forderungen der Bergpredigt (consilia evangelica) verpflichtet haben.

4. Die Bergpredigt gilt »nur« für das private Leben des einzelnen Christen, nicht jedoch für sein öffentliches, »amtliches« Tun im Staat und in der Gesellschaft (Lehre von den zwei Reichen). - Richtig daran ist, dass die Bergpredigt sich in der Tat an den einzelnen wendet, falsch aber, dass ihre Forderungen keinerlei Bedeutung für sein Handeln im politischen und sozialen Umfeld haben.

5. Die Bergpredigt verkündet »nur« eine »Interimsethik«, gültig allein angesichts des nahe bevorstehenden Weltendes.
- Richtig daran ist, dass die Forderungen der Bergpredigt in der Tat im Licht des kommenden Reiches Gottes stehen, falsch aber, dass das bevorstehende Weltende das entscheidende Motiv für das Handeln der Menschen bilde.

6. Die Bergpredigt gilt für alle Lebensbereiche; sie kann aber »nur« verwirklicht werden, wenn man sie zur Grundlage einer Gesetzgebung macht, die dann doch wieder mit Gewalt durchgesetzt wird.

Die geschichtliche Erfahrung lehrt, dass man die Welt weder mit der Bergpredigt noch gegen sie regieren kann.
Alle Versuche, die Bergpredigt zur Grundlage des politischen und sozialen Handelns zu machen, sind immer wieder
gescheitert. Entweder blieb die Erfüllung ihrer Forderungen nur auf eine kleine Lebensgemeinschaft beschränkt, die abgesondert von der übrigen Gesellschaft, jedoch in deren Schutz lebte, oder die Bergpredigt wurde zur politischen Utopie, die, mit Gewalt durchgesetzt, wieder nur grausame Unterdrückung erzeugte und schließlich im Chaos endete. Umgekehrt aber führte die totale Missachtung der Bergpredigt im öffentlichen Leben genauso zu Unmenschlichkeit und Untergang.
Nicht mit der Bergpredigt, nicht gegen die Bergpredigt - wie aber dann? Aus diesem Dilemma gibt es keinen Ausweg, sondern nur einen ungefähren Weg hindurch, und es gibt Wegzeichen, die, ausgeworfenen Bojen gleich, drohende Untiefen anzeigen und so eine ungefähre Fahrrinne markieren, in der eine gewisse Navigationsbreite möglich ist:

1. Die Forderungen der Bergpredigt dürfen nicht in allgemeine ethische Maximen oder praktikable politische Handlungsanweisungen verwandelt werden. In ihnen sind der Glaube an Gott und die Liebe zum Nächsten zu einer unauflöslichen Einheit verbunden. Darum bildet die von Jesus gepredigte »Umkehr« in jedem Fall die Voraussetzung für ihre Erfüllung.

2. Die Forderungen der Bergpredigt zielen nicht nur auf eine neue Gesinnung, sondern wollen konkret praktiziert sein. Darum darf man sie nicht von vornherein als weltfremd abtun, sondern man muss sich auf sie einlassen. Ausdrücklich heißt es am Ende der Bergpredigt. »Wer diese meine Worte hört und tut sie...« Dieses Tun freilich geschieht im Horizont der ausgebliebenen Wiederkunft Christi und deshalb in einer noch unerlösten Welt. Aus diesem Grunde bricht sich das absolute Liebesgebot der Bergpredigt ständig in den Strukturgesetzen des jeweiligen Handlungsraumes. Über die Tatsache dieses Bruches sollte es unter Christen keinen Streit geben; gestritten werden muss freilich immer neu über den Grad des Brechungswinkels. Aber allein im konkreten Tun wird sich erweisen, was möglich und was unmöglich ist. Dass es keine »Patentlösungen« gibt, ist richtig, darf aber nicht zur Ausrede werden und zur Gleichgültigkeit verführen.

3. Statt sich mit der Unerfüllbarkeit der Bergpredigt zu entschuldigen und sich dabei zu beruhigen, soll sich die Christenheit durch ihre Nichterfüllung aufstören und beunruhigen lassen und dadurch ihrerseits wieder zu einer Unruhe in der Gesellschaft werden. Die Christenheit befindet sich hier in einem Lernprozess. Die »Fahrrinne« ist im Vergleich zu früheren Zeiten sehr viel schmaler geworden und damit die einst erlaubte oder auch nur unerlaubt angemaßte Navigationsbreite nur noch eine enge Durchfahrt.

4. Wer die Forderungen der Bergpredigt nicht erfüllt, nimmt in jedem Falle Schuld auf sich; auch wenn er an die Vergebung seiner Schuld durch Gott glaubt, so hüte er sich doch, auf Christi Kreide zu zechen..." (ebd. S.288 ff.)

 

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