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Organhandel
 
 
Angst vor Missbrauch ist ein vielfach gebrauchtes Argument gegen die Organspende.
Während bei uns klare gesetzliche Regelungen einen Organhandel verhindern sollen,
so gibt es doch in anderen Teilen der Welt auch ethisch problematische Entwicklungen.

Die folgenden Texte zeigen einige dieser Entwicklungen, teilweise entkräften sie aber
auch Bedenken.
 
 
Organhandel  (Arbeitskreis Organspende)
"Organspende" - Organraub - Medienberichte
Wer eine Niere spendet, darf weiterleben
"Ich habe ihn mit Geld gelockt"

Gesetz über die Spende, Entnahme und Übertragung von Organen
Das gesamte Gesetz (auch zum Organhandel)
 

"Fernsehzuschauer vergeben per SMS Spenderniere" (27.5. 2007)
 

Organhandel - Wikipedia
Aktuell: Google-News - Organhandel
 

 


 



 

Arbeitskreis Organspende

ORGANHANDEL

Der Begriff Organspende ist in der Bevölkerung immer noch mit vielen Unsicherheiten und Ängsten verbunden. Neben den Begriffen Hirntod, Verteilungsgerechtigkeit bei den Organen, zu frühe Therapieeinstellung etc., ist sehr oft der Begriff ORGANHANDEL zu hören.

Darunter versteht man die illegale Entnahme oder Vergabe bzw. Transplantation von Organen und Gewebe.

Leider werden in den Medien und somit in der Bevölkerung Gewebe- und ORGANHANDEL immer wieder gleichgestellt, was aber so überhaupt nicht stimmt und nicht stimmen kann.

Grundsätzlich muss beachtet werden, dass Organe i.d.R. viel kürzere Konservierungszeiten ( z.B. Herz und Lunge 3 Std., Leber ca. 15 Std. und Niere ca. 30 Std.) haben und dadurch eine sehr kurze Zeit zur Lösung der logistischen Probleme zur Verfügung steht. Beim Gewebe sind die Lagerungszeiten viel länger, z.T. über Wochen oder Monate.

ORGANHANDEL ist in den westeuropäischen Ländern aufgrund der nationalen und internationalen Organisationen nicht möglich und bisher ist kein Fall in Deutschland bekannt, wo dies nachgewiesen werden konnte. Anders verhält es sich bei Gewebehandel, hierbei gab es immer wieder Fälle, in denen z. B, Sektionsgehilfen Gewebe (z.B. Hirnhaut) illegal entnahmen und weiterverkauft haben. Dies ist eine kriminelle Machenschaft, die aber mit ORGANHANDEL nicht das geringste zu tun hat.
 

ORGANHANDEL IM AUSLAND

Leider gibt es in verschiedenen Drittländern einen ORGANHANDEL der von allen verantwortlichen Ärzten verurteilt und auf das äußerste missbilligt wird.

Besonders in Indien werden von dubiosen "Organvermittlern" arme Slumbewohner zu einer "Nierenspende" überredet und erhalten dafür ca. DM 1000. Die Nierenempfänger zahlen ca. DM 25.000. für eine Transplantation. Der größte Teil der Empfänger kommt jedoch aus den arabischen Staaten, weil es dort keine Organspender gibt.

Leider sind auch in den letzten Jahren mehrere Dutzend Patienten aus Deutschland, ohne Wissen bzw. Zustimmung ihrer behandelnden Ärzte, nach Indien (oder andere Länder) gefahren und haben sich eine Niere gekauft. Nichtwissend welchen Gefahren (AIDS, Hepatitis und andere Infektionskrankheiten) sie sich damit aussetzen. Dies zeigt sich sehr oft auch daran, dass diese gekauften Nieren sehr viel schlechter "funktionieren" als die rechtmäßig erworbenen im ET-Bereich.

Obwohl der Organhandel in Indien durch ein Gesetz verboten ist, werden jährlich ca. 3000 Nieren transplantiert. Für die sogenannten "Organvermittler" ist es kein Problem notariell eine sog. "Schenkung zwischen Spender und Empfänger" zu dokumentieren und hinterher erfolgt unter der Hand eine Geldübergabe zwischen den beteiligten Personen.

Das Argument, dass die armen Organspender durch den Verkauf einer Niere ein besseres Leben führen könnten, trifft nicht zu. Am Ende bleiben durch eine unzureichende Nachsorge große gesundheitliche Schäden und durch vorherige Schulden keine finanziellen Vorteile übrig.

Ähnliche Ungereimtheiten in der Organvermittlung werden auch aus Ostblockländern und aus Südamerika berichtet.

Die deutsche Justiz und die Transplantationszentren verurteilen diesen ORGANHANDEL auf das äußerste und missbilligen jede Form der Ausnutzung zur illegalen Organerlangung.



 


 
 
"Organspende" - Organraub - Medienberichte
 

"Leider wird Organspende in einigen Teilen der Welt missbraucht: In China werden zum Tode Verurteilte ohne Zustimmung als Organspender verwendet, es gab und gibt kommerzielle Transplantationen in Indien. Leider gibt es auch sehr viele Mediendarstellungen, die oft nur frei erfunden sind. Die besonders rührselig geschilderten Stories von südamerikanischen Kindern, denen angeblich gewaltsam Organe entnommen wurden, sind meist nur erfunden, weil sich Skandalgeschichten in der Presse gut vermarkten lassen."

Prof. F. Mühlbacher (Transplantationszentrum Wien)





 

Wer eine Niere spendet, darf weiterleben
US-Staat Missouri: Todesstrafe für Mörder kann in "lebenslang" umgewandelt werden

JEFFERSON CITY   Die Mörderinnen und Mörder in den Todeszellen des amerikanischen Bundesstaates Missouri sollen eine letzte Chance zur Rettung ihres Lebens erhalten. Wenn sie bereit sind, sich im Zuchthaus-Hospital eine Niere, ein Auge, einen Teil ihrer Leber oder Rückenmark entfernen zu lassen, wird sie der Gouverneur zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe begnadigen. Diese Form von "Lebendspenden" sieht ein vom Abgeordneten Chuck Graham im Landesparlament in Jefferson City eingebrachter Gesetzentwurf vor, über den Ende des Monats abgestimmt werden soll. Zahlreiche Ärzte und Vereinigungen von Transplantations-Patienten haben gegen das geplante "Ausschlachten von Todeskandidaten" schon protestiert. In den Todeszellen des Staatsgefängnisses von Missouri, in denen derzeit 86 Männer und eine Frau jeden Tag mit dem "Besuch" des Henkers rechnen müssen, ist der Gesetzentwurf nach Mitteilung der Anstaltsleitung aber "mit viel Beifall und großer Hoffnung" aufgenommen worden: "Um mit dem Leben davonzukommen, würden etliche unserer Kunden fast alles mit sich machen lassen".

Der Abgeordnete Graham begründet sein Gesetz damit, dass in den Vereinigten Staaten gegenwärtig fast 40 000 Patienten auf eine Nierentransplantation und rund 3 000 Krebskranke auf eine Rückenmarkübertragung warten: "Weil wir zu wenig Organspender haben, müssen viele dieser armen Menschen sterben. Deshalb sollten wir Mördern, die ein Menschenleben vernichtet haben, die Möglichkeit zur Rettung eines Menschenlebens geben". Die Organspende im Zuchthaus werde natürlich freiwillig sein: "Wer nicht will, der muss auch nicht. Aber dann wird der Henker kommen".
 

"Wiesbadener Kurier" 18.3. 98



 

"Ich habe ihn mit Geld gelockt"

Seine Nierenkrankheit trieb Rolf Weber zur Verzweiflung.
In Deutschland fand er kein Spenderorgan - deshalb flog er nach Indien

- VON RAINER JUNG -

Natürlich hat der Mann nichts Monströses an sich, wie er auf der Gartenbank sitzt, in den Abend schaut und eine Katze krault. Allenfalls die enorme Ader, die unübersehbar am linken Unterarm schwillt, ein Kurzschluss im Blutkreislauf, jahrelang lebenserhaltende Verbindung zur Außenwelt, Hunderte Male durchstochen, perforiert. Im Gegenteil: Rolf Weber ist ein freundlicher Mensch, zart und kultiviert, kurzes Haar, eine runde Metallbrille vor zwinkernden Augen. Abendland und Orient scheinen im Hause des Ethnologen eine Synthese eingegangen zu sein. Im Musikschrank stapeln sich die Kassetten arabischer und afrikanischer Interpreten. Die flauschigen Teppiche stammen aus dem Nahen Osten. Und Rolf Webers Niere kommt aus Bombay.

Organhandel, das ist ein Alptraum - für die Gesunden. Weil das Angebot an Spenderorganen in den Industrieländern längst nicht den Bedarf deckt, floriert seit Jahren das Geschäft mit den Innereien der Dritten Welt. Obwohl sie in keiner offiziellen Exportstatistik auftauchen, haben Nieren oder Augenhornhäute aus Lateinamerika und Indien mittlerweile ihren festen Platz in den Terms of Trade zwischen Nord und Süd.

Das Millionenheer der potentiellen Organverkäufer ist gut sortiert, billig und willig. Denn auch wenn die 1500 bis 3000 Mark, die auf dem Subkontinent durchschnittlich an den sogenannten freiwilligen Spender einer Niere gezahlt werden, lächerlich gering erscheinen, übersteigen sie doch häufig das Jahreseinkommen ganzer Familien.

Rolf Webers ganz persönlicher Alptraum begann schon, lange bevor er selber erkrankte. 1960 starb sein Vater, gerade 49 Jahre alt, an einem erblichen Nierenschaden. Die Ärzte hatten ihm nicht helfen können. Ende der achtziger Jahre verschlechterte sich auch der Gesundheitszustand des Sohnes, mittlerweile als Dozent für Afrikanistik häufig auf Reisen in tropische Länder. 1990 wurden Vene und Arterie in seinem Unterarm zum klopfenden Rohr zusammengenäht, Weber musste erstmals an die Dialysemaschine. "Natürlich ist das ein phantastisches technisches Gerät", sagt er heute, "aber als Patient hängt man vor allem dreimal in der Woche an vielen Schläuchen und baut ab. Am Ende hat man zu nichts mehr Lust. Du überlebst, aber das Leben macht keinen Spaß mehr.

"Das Gefühl des Ausgeliefertseins nahm mit jedem Monat zu, Weber beobachtete einen schleichenden Verfall seiner geistigen und sprachlichen Fähigkeiten. Schließlich musste der Ethnologe seine Vorlesungstätigkeit aufgeben. Zu Hause dehnte sich jeder Tag zu einer kleinen Unendlichkeit. "Ich habe herumgesessen und gewartet, dass das Telefon endlich klingelt. In der Ecke stand die gepackte Tasche, damit ich sofort in die Klinik fahren kann, wenn es eine Niere für mich gibt. Die Nachricht kam aber nie. Das Furchtbarste ist: Jeder Anruf, selbst von guten Freunden, wird im Laufe der Zeiterst einmal zur Enttäuschung. "Einmal dachte Rolf Weber sogar an Selbstmord, und nur ein Zufall hielt ihn davon ab. Dann wieder das endlose Warten und Hoffen. Zwiespältige Hoffnung darauf, dass das Große Los endlich fällt in der Lotterie des Weiterlebens. Denn den Hauptgewinn kann nur ein Toter ins Spiel bringen. "Schließlich denkt man eigentlich nur noch an einen heißen Sommer, in dem viele Verkehrsunfälle zu erwarten sind", sagt der Ethnologe. Er kann wohl so offen darüber sprechen, weil er selbst nicht mehr wartet.

Im Januar 1994 ist Weber nach Bombay geflogen. Vom rein medizinischen Standpunkt aus hätte er noch viel länger mit der Dialyse leben können, "aber mein Lebensgefühl ist mir kaputtgegangen, es ging einfach nicht mehr." Aus dem Fernsehen hatte er von einem Autohändler in Norddeutschland erfahren, dem in einer indischen Klinik erfolgreich eine Niere implantiert worden war. Zunächst zog sich die Korrespondenz mit dem Arzt aus Bombay hin. Dann kam der für Rolf Weber erlösende Brief: "Der Aufenthalt dauert drei Wochen oder mehr", schrieb der vorsichtige Transplanteur nur. Kostenpunkt: 16000 Dollar, damals etwa 27000 Mark. "Da habe ich mich erst mal hingesetzt und überlegt: Darf ich das tun?"

Man nimmt Rolf Weber ab, dass er es sich nicht leichtgemacht hat. Der Redefluss gerät ins Stocken, einige Male zuckt er mit den Schultern. "Ich habe jemanden mit Geld dazu gelockt, sich operieren zu lassen", sagt Weber. "Mich selbst hat meine Krankheit dazu verlockt. Das Schnöde dabei ist natürlich, dass ich der Mann aus dem Westen bin, mit Geld in der Tasche, und der andere hat nichts. Aber schließlich ist die innere Stimme am stärksten, die brüllt: ,Mach das, die Chance kommt nicht wieder!' Ich habe mich selbst an die erste Position in meiner Welt gestellt, so wie ich mich vorher schon jahrelang auf den ersten Platz der Transplantationsliste gewünscht hatte.

"Die Klinik in Bombay erwies sich als sauber und gut ausgerüstet - zumindest in der Ausländerklasse. Aber auch die anderen Bereiche seien für indische Verhältnisse in Ordnung gewesen. "Immerhin hatte jeder da sein eigenes Bett", erzählt Weber. Rajesh, der auf dem Erinnerungsfoto neben Webers Schwester steht, gehört wiederum zu dem Indien, das aus dem Fernsehen bekannt ist. Klein, braun, gewellte Haare. Ein zurückhaltendes Lächeln auf vollen Lippen. Als Karrenzieher in Bombay würde er einem niemals auffallen im Gewimmel der Metropole, an einem überfüllten Zug hängend genauso wenig wie in einem deutschen Flüchtlingslager.

In Rolf Webers Welt war der 27jährige aus Nepal aber für einige Tage einer der wichtigsten Menschen überhaupt, obwohl er sich "natürlich auch über Rajesh erhoben" habe, wie er nachdenklich feststellt, "sonst hätte ich das gar nicht machen können". Einige Tage vor der Verpflanzung lernte der Deutsche "seinen Spender" auf eigenen Wunsch kennen.

Rajesh war in den Handel mit seinem Körper ursprünglich als Blutspender eingestiegen, irgendwann hatte er sich dann bei den Transplantationsärzten als "freiwilliger" Anbieter einer Niere registrieren lassen. Mit dem Geld wollte er die Mitgift für seine Schwester bezahlen und sich einen eigenen Karren kaufen.

Rolf Weber war, so erinnert er sich, durch die Begegnung mit Rajesh zugleich beruhigt und verunsichert: Auf der einen Seite war der junge Mann gesund und mit den Ärzten bekannt, was Webers Angst vor einer möglichen Infektion mit Hepatitis, Malaria oder HI-Viren milderte. Zum andern "ist es natürlich doppelt schwer, wenn einem ein - obendrein sympathischer - Mensch aus Fleisch und Blut gegenübersteht. Aber schließlich denkt man nur noch: ,Hoffentlich geht alles gut'."

Die Operation verlief bei beiden Männern ohne Komplikationen. Rajesh erhielt für seine Niere 3000 Dollar von den Ärzten und weitere 2000 von Weber direkt. Angesichts der zynischen Mechanismen von Angebot und Nachfrage ein außergewöhnlich guter Preis, auch wenn der Deutsche selber sagt, dass er auch für wesentlich mehr Geld kein Stück von seinem Körper verkaufen würde.

Die Kosten für den Trip nach Bombay hat zum größten Teil Webers private Krankenversicherung erstattet - "ohne Fragen zu stellen". Zu Rajesh hat der Ethnologe derzeit keinen direkten Kontakt. Dass das Risiko des Nepalesen, mit nur einer Niere selber schwer zu erkranken, gewachsen ist, weiß auch Rolf Weber. "Ich habe ihm versprochen, dass ich ihm helfe, wenn er gesundheitliche Probleme bekommt, die mit der Organspende zusammenhängen."

Steckt hinter dieser Zusicherung nicht auch eine ganze Portion Selbstberuhigung? "Ich hoffe natürlich, dass es ihm gut geht", sagt Weber und hebt die Stimme. "Aber Rajesh hat meine Adresse, und ich stehe zu meinem Wort." Seine Niere wird er dem Nepalesen im Bedarfsfall allerdings nicht zurückgeben können. Auch das ist ein Grund, warum Weber es vorgezogen hätte, in Deutschland das Organ eines Toten eingepflanzt zu bekommen. "Das hätte mir viel Kopfzerbrechen erspart", sagt er.

Wenn sein Gesundheitszustand stabil bleibt, will sich der Ethnologe im Spätherbst den Blutzapfhahn im Unterarm operieren lassen. Damit wäre dann - mit Ausnahme der kleinen Narbe am Bauch - jede Spur seiner Krankheit getilgt.

Das Sonntagsblatt - Nr. 44
 



"Fernsehzuschauer vergeben per SMS Spenderniere"

Spiegel 2.6. 2007

ORGANSPENDE-TV
Mieser Trick, guter Zweck
Von Ina Florin, Amsterdam

Kann es wahr sein, dass im Rahmen einer Reality-Show die Organe Todgeweihter an sterbende Kandidaten verzockt werden? 72 Minuten lang berserkerte sich die "Große Spendershow" durch die Emotionen der Zuschauer. Dann war klar: Alles nur gespielt, aber kein Anlass für Erleichterung.

Okay, alle wussten es, die "Große Spendershow" war eine Show (mehr...). Aber was für eine! Eine Art Frankenstein unter den Reality-Shows, zusammengeschneidert aus den nervigsten dramaturgischen Elementen, die das Genre hergibt. Konzeptionell ein gruseliges Konglomerat aus "Herzblatt", "Nur die Liebe zählt" und "Deutschland sucht den Superstar". Das Studio-Styling eine räumliche Reminiszenz an eine Gladiatoren-Arena: Gäste im Dreiviertelrund um die zentrale Bühne. Morituri te salutant!

Jetzt fragt man sich: Hätte man es vorher wissen können? War es wirklich nicht zu ahnen?

Nein. Bis auf einen kleinen Fehler schien die Show authentisch - gerade weil sie noch hanebüchener war als befürchtet. Peinlich bis zur Schmerzgrenze, eine emotionale Achterbahnfahrt bis zum großen Ätschebätsch. TV-Müll aber, traurig genug, ist der moderne Zuschauer so sehr gewohnt, dass er ihn zähneknirschend erträgt - ohne an seiner Echtheit zu zweifeln. Eher im Gegenteil.

Aber von vorn. "Heute ist ein besonderer Tag in der Geschichte des Fernsehens. Heute wird etwas passieren, das es so noch nicht gab."

Genug gequatscht: Auftritt der Todgeweihten 

Punkt halb neun am Freitagabend spricht Moderator Patrick Lodier diese Worte. Es folgt ein Zusammenschnitt der Politiker- und Medienmeinungen im Vorfeld, ein Rückblick auf das Leben des Sender-Gründers Bart de Graaff - auch er starb an einem Nierenleiden -, Statistiken, der Aufruf, sich als Organspender registrieren zu lassen.

Mit den Worten "Genoeg geluld" (Genug gequatscht) leitet der Mann abrupt über zu den "eigentlichen Stars der Show", den Kandidaten.

Wie bitte? Vor Ablauf der Schrecksekunde geht's weiter. "Das ist Lisa. Und Lisa wird sterben".

Film ab. Man sieht die angeblich todkranke Spenderin Lisa im Park, Lisas Freund beim Werkeln in der Küche - hätte einem nicht eigentlich da schon auffallen müssen, dass was faul ist? Lisa hier, Lisa dort, Lisa voll im Leben. Aber eben nicht mehr lange.

Live-Auftritt Lisa. Erste Frage. "Warum tun Sie das?". Zweite Frage. "Wie fühlt sich das an, zwischen drei Menschen zu entscheiden?". Dritte Frage: "Nach welchen Kriterien werden Sie auswählen?"

Der Moderator hält voll drauf. Dann wieder genug gequatscht. "Nehmen Sie bitte Platz auf dem Spenderstuhl." Auch mit den anderen Kandidaten macht der Moderator um keinen Abgrund einen Bogen. Er hüpft direkt hinein. Erste Frage an die erste Bewerberin. "Wie sehr willst du diese Niere?" So geht es lustig weiter.
 

Regelmäßig wird der Stand des Zuschauer-SMS-Votings für die Todgeweihten eingeblendet. Lisa befragt sie nach Herzblatt-Manier. Unbarmherzig müssen sie wieder und wieder begründen, warum gerade sie die Niere verdienen. Funky Musik umspült die aufregenden Momente. Trauriges Klaviergeklimper die rührseligen. "Spannend", sagt der Moderator ab und zu. Und immer wieder: "Wenn dieser Kandidat Sie überzeugt hat, dann schicken Sie eine SMS an die Nummer xyz." Nie hat man sich sehnlicher eine Werbepause gewünscht.

Dann, endlich, nach siebzig zermürbenden Minuten der Höhepunkt der Show. Alle erheben sich. Lisa schmeißt den ersten Bewerber raus. Trommelwirbel. Tränen in allen Augen. Sie setzt zur finalen Entscheidung an. Trommelwirbel lauter. Dann spricht der Moderator die erlösenden Worte. Stopp! Alles nur gefakt!

Das unterirdisch trashige Format entpuppt sich als Mediensatire mit ernstem Hintersinn.

Je abgefahrener, desto wahrscheinlicher? 

"Wir wollten ein Statement geben. Das ist geglückt. In den letzten sieben Tagen wurde mehr über Organspenden diskutiert als in den vergangenen sieben Jahren." Unendlich erleichtert und emotional am Ende sackt der Zuschauer in sich zusammen.

War das vor der Enthüllung zu erkennen? Nicht wirklich.

Nur ein winziger Hinweis inmitten dieses Panoptikums an Peinlichkeiten hätte stutzig machen können. Ein chronologisches Missgeschick: Lisa siebte ihre drei Kandidaten angeblich am selben Nachmittag aus einer Gruppe von 25 Bewerbern aus. Wunderbarerweise liefen aber abends in der Sendung bereits jede Menge aufwendig gedrehte Filme über die drei Auserwählten.

Es war ein besonderer Tag in der Geschichte des Fernsehens, aber es war nicht die erste fiktive Show. 1970, quasi im Präkambrium moderner Fernsehunterhaltung, lief im deutschen Fernsehen "Das Millionenspiel". Ein Mann wird sieben Tage lang gejagt. Überlebt er, gewinnt er eine Million Mark. Den Chef der Killerbande spielte - im Ernst - Dieter Hallervorden, den Moderator im Studio Dieter Thomas Heck. Gefakte Werbeeinblendungen untermalten die Menschenhatz. Eine Welle der Empörung schwappte durch die Republik. Gleichzeitig wollten sich unzählige Menschen als Jäger oder Gejagter für die Show melden.

Niederlande: Fernsehsender foppt die Welt mit Nierenspender-Show (01.06.2007)Doch die "Spendershow" setzt da noch eins drauf: War das "Millionenspiel" noch eine düstere Utopie, ein Ausblick auf die Trash-TV-Zukunft, beschrieb die niederländische Show nicht mehr als eine durchaus denkbare Realität. Das eigentlich Erschütternde war nicht der wohlmeinende, wenn auch schrill verpackte Appell in Sachen Organspende, sondern das alles hätte durchaus wahr sein können.

Kein Zweifel, die "Große Spendershow" sorgte für viel Diskussion. Meist aber kreiste die um die moralische Schmerzgrenze modernen TV-Entertainments. Ob sie sich auf die Zahl der Organspender auswirkt, bleibt abzuwarten. Und ob misstrauische Zuschauer künftig öfter auf ein erlösendes "Haha, nur gefoppt" harren, ebenso. Anzuraten ist es nicht. Die Chance, enttäuscht zu werden, ist riesig.


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