Heiner Geißler
(geb.1930) war von 1982 bis 1985 Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit und von 1977 bis 1989 Generalsekretär der CDU.

 
 

Was würde Jesus heute sagen?

Die Endzeitrede
Jesus selbst hat den politischen Inhalt seiner Botschaft zwei Tage vor dem Passahfest im Tempel von Jerusalem in seiner großen Endzeitrede zusammengefasst, die heute ohne Abstriche genauso gehalten werden könnte. Er schildert, wie er am Ende der Zeit die Völker der Welt vor sich versammelt.

Die eine Hälfte der Rede richtet er an diejenigen, die es gut gemacht, die zweite Hälfte an diejenigen, die es schlecht gemacht haben. Die Letzteren soll er verflucht haben, was wohl eher eine der üblichen verbalen Zuspitzungen der Evangelisten sein dürfte. Jesus wendet sich an die Menschen auf seiner linken Seite und sagt zu ihnen: Ihr habt es nicht gut gemacht, denn ich war hungrig und durstig, und ihr habt mir nichts zu essen und zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht. (Mt 25,42-43)

«Wann sollen wir dir denn geholfen haben?», fragen die Beschuldigten.
Darauf wieder die Antwort:
Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. (Mt 25,45)

Wen wird er wohl gemeint haben, als er in der metaphorischen Prophetensprache von Verfluchten sprach, die in die Hölle gehörten? Vielleicht die Konzernleitungen, die in sogenannten "Zonas francas" wie in Nicaragua Frauen mit Hungerlöhnen und einem Zwölf-Stunden-Tag Textilien herstellen lassen? Die Wirtschaftsund Finanzminister, die es zulassen, dass Börsenspekulanten die Währungen von Ländern ruinieren und so Millionen von Menschen ins Unglück stürzen? Christliche Gemeindemitglieder, die Vorbestrafte, die in ihrem Dorf wohnen, ausgrenzen? EU-Kommissare, die mit subventioniertem Rübenzucker den Rohrzucker der Campesinos aus Mittelamerika und den Philippinen vom Weltmarkt verdrängen? Gesundheitspolitiker, die in England alten Menschen mit geringem Einkommen die Bypass-Operation und das künstliche Hüftgelenk vorenthalten? Amerikaner und Europäer, die mit subventionierten Textil-, Leder- und Agrarprodukten die Arbeitsplätze in Bangladesch und Indien zerstören? Die deutschen Innenminister, die so genannten nicht staatlich Verfolgten einen gesicherten Rechtsstatus verweigern? Mafiabosse, die hungrige Kinder in die Kriminalität und Prostitution zwingen? Hitler, Stalin, Pol Pot, Karadciz, ihre Schergen und Folterknechte? Hexenverbrenner, Inquisitoren, Terroristen und Mullahs, die Ehebrecherinnen bis über die Hüfte im Sand eingraben und steinigen lassen?

Dann wendet sich Jesus an diejenigen, die auf seiner rechten Seite stehen, und sagt:
Kommt her, ihr seid von Gott gesegnet, denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen. (Mt 25,34-36)

Auch diese fragen: «Herr, wann haben wir dir das alles getan?» Jesus antwortet:
Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. (Mt 25,40)
Viele Menschen haben mit der Botschaft des Evangeliums die Welt verändert und besser gemacht: die Jünger Jesu ebenso wie buddhistische Mönche, auch wenn diese den Wortlaut des Evangeliums gar nicht kannten, Staatsmänner wie Thomas Morus, Priester und Nonnen, die Frauen und Männer der Caritas und des Diakonischen Werks, Entwicklungshelfer, Schwestern und Krankenpfleger in den Lepra- und Aids-Krankenhäusern, die Pflegerinnen in den Sozialstationen, Millionen von Menschen, die wegen ihres Geschlechts, ihrer Rasse, ihrer ethnischen Zugehörigkeit unterdrückt und verfolgt worden sind und widerstanden haben. Aber auch diejenigen, die in Verfolgung und Einsamkeit untergegangen sind: Franz von Assisi, Martin Luther King, Franz Xaver und Edith Stein, Maximilian Kolbe, Dietrich Bonhoeffer und viele andere.

Die Botschaft

NICHT DIE POLIS, nicht die Nation, nicht der Staat - der Mensch mit seiner in Gott begründeten unantastbaren Würde wird zum Mittelpunkt des politischen Geschehens.

DIE WÜRDE DES MENSCHEN und die aus ihr resultierenden Menschenrechte sind der Maßstab der «Gesetze» und die Grundlage für das gleichberechtigte und multikulturelle Zusammenleben der Menschen.

DIE LIEBE ZUM NÄCHSTEN hat gleichen Rang wie die Liebe zu Gott. Die Liebe zu Gott ist ohne Liebe zum Nächsten wertlos.

DIE LIEBE ZUM NÄCHSTEN ist nicht platonisch und keine Sache des Gefühls. Sie bedeutet Pflicht zum Handeln für denjenigen, der in Not ist, auch für den Feind. Sie sprengt nationale, kulturelle und religiöse Grenzen, sie gilt allen Menschen unabhängig von Klasse, Rasse, Geschlecht, Nation.

AUCH FÜR DEN FEIND wird jeder Mensch zum Nächsten, wenn er in Not gerät.

VERSÖHNUNG, Entspannung und friedliche Lösung von Konflikten haben Vorrang vor Gewalt und Krieg.

FREMDENFEINDLICHKEIT ist mit dem Evangelium unvereinbar.

DIE FRAU ist dem Mann ebenbürtig. Die Diskriminierung der Frauen in der Politik und der Kirche steht im Gegensatz zum Evangelium. Das Verbot der Frauenordination und das Gebot des Zölibates haben kein Fundament im Evangelium.

DIE INTERESSEN der Menschen sind wichtiger als die Interessen des Kapitals. Die kapitalistische Wirtschaftsordnung widerspricht dem Evangelium und ist ein Verbrechen an Milliarden von Menschen, die in Armut, Krankheit und Unwissenheit leben müssen.

ZWEI MILLIARDEN CHRISTEN sind die größten «global players» der Welt. Sie müssen die treibende Kraft für eine neue, gerechte Weltwirtschaftsordnung sein.

JESUS VERKÖRPERT das Ideal der Glaubwürdigkeit, d. h. die Einheit von Ideen, Reden und Handeln, also die Einheit von Anspruch und Wirklichkeit. So wie er die Menschen damals gegen die Machthaber vertreten hat - unabhängig, freimütig, selbstbewusst, furchtlos -, wäre er auch in einem heutigen Parlament der ideale Abgeordnete und Sprecher des Volkes.

DAS JÜDISCHE VOLK trägt keine Schuld am Tode Jesu. Der Antisemitismus ist eine Perversion der menschlichen Zivilisation und Kultur.

DIE BOTSCHAFT verlangt die Realisierung in dieser Welt.


 
 
 
 
 

 

zurück


Start  | Übersicht - Sitemap