Christologie
 
Dorothee Sölle
Theologin und Schriftstellerin (1929-2003)

"Wenn Jesus heute wiederkäme wäre er Atheist, d.h. er könnte sich auf nichts anderes als auf seine weltverändernde
Liebe verlassen." (D. Sölle: Gibt es ein atheistisches Christentum? , S. 84)
 
 

Wer ist Jesus Christus für uns heute?

Jesus Christus ist nach christlicher Lehre der Erlöser der Welt. Der griechische Fachausdruck für die Lehre über Christus heißt »Christologie«, der Logos über Christus. 

Wenn ich hier zu der Frage »Wer ist Jesus Christus?« die Worte »für uns heute«, die in der Ökumene häufig auftauchen, hinzufüge, dann geschieht das im Wissen, dass nicht alle Christen sich auf das »heute« und auf das »für uns« einlassen.

Viele konzentrieren sich auf einen ewigen Christus, ja sie benutzen Christus zur Distanzierung von der eigenen Geschichte. Historisches Bewusstsein ist also ein Grund, warum Christen in der Ökumene die ja eine Art Weltgespräch zwischen der Dritten, der Zweiten und der Ersten Welt offen hält diese Formulierung gewählt haben. Der zweite Grund ist ein Solidaritätsbewusstsein: Mit dem »für uns« wollen die Christen in der Ökumene über diejenigen, die nur ein »für mich« gelten lassen wollen, hinausgehen. Um das zu verstehen, muss man die fundamentalistischen Strömungen im Protestantismus im Auge behalten, die eine »persönliche Beziehung zum persönlichen Heiland und Erlöser« zum zentralen Thema machen und eine Spiritualität pflegen, in der die Frage, welche Bedeutung Jesus Christus für mich hat, jene andere Frage, was er für die ganze geschaffene und historisch verfasste Welt bedeute, ganz verschlingt.

Ich glaube nicht, dass der Individualismus als Horizont ausreicht, um das, was Jesus Christus bedeutet, auszudrücken. Das individualistische Verständnis sagt: »Jesus Christus ist mein persönlicher Heiland, mein Erlöser.« Vorausgesetzt ist dabei, dass ich als Individuum allein bin und die Tiefe meiner Spiritualität nur dann berührt ist, wenn mich dieser Erlöser, Jesus Christus, in eine persönliche Beziehung zu sich stellt, die dann zum Wichtigsten wird, sie definiert mein Christsein. Meine Anfragen an diese Frömmigkeit gehen darauf, wie meine persönliche Bindung an Christus sich mit meinem ökonomischen, politischen, sexuellen Leben verknüpft.

Ich will das noch einmal deutlich machen am Beispiel meiner nationalen Identität. Mein Leben ist mitbestimmt durch die Geschichte meines Volkes. Der Glaube an Christus betrifft unser ganzes Leben und zieht uns nicht heraus aus der Geschichte in eine private Heilsgeschichte, sondern er verbindet uns tiefer und unausweichlicher mit den anderen um uns herum. Christus begegnet mir in den Dimensionen meiner Lebenszeit. Was im Namen Jesu Christi anderen Menschen angetan worden ist von meinem Volk, betrifft auch mein Christsein. Es ist deutlich, dass Auschwitz ohne Christentum nicht möglich gewesen wäre. Der christliche Antijudaismus und moderne Antisemitismus sind ein Teil meines Erbes. In dieser Verantwortlichkeit für das, was ich geerbt habe, und für das, was ich weitergebe, verstehe ich mein Leben. Die Annahme Jesu verbindet mich mit anderen, aus dem »für mich« wird das »für uns«. 

Eine der katastrophalen Folgen des Kapitalismus besteht in dem, was er den reichen Menschen im Herzen dieses wirtschaftlichen Systems antut an Reduktion des Menschseins auf das einzelne Individuum. In der amerikanischen Werbung ist zu beobachten, wie alle Gegenstände »ganz persönlich für dich« dasein sollen, auch wenn sie millionenfach existieren. Deine Initialen, deine Anfangsbuchstaben müssen auf deinem T-Shirt sein, auf deinem Kugelschreiber, auf deiner Tasse und auf deinem Jesus! Auch er ist ganz persönlich für dich da. In dieser Religion lebt kein anderer Geist als in der Verkaufskultur; Jesus ist für den massenwirksamen Fundamentalismus »mein ganz persönlicher Heiland«, und darüber hinaus ist eigentlich nichts zu sagen. In dem Bekenntnis zu »Jesus Christ my personal saviour« steckt keine Hoffnung für diejenigen, die unser System zum Hungertod verurteilt. Es ist ein frommer Satz voller Gleichgültigkeit für die Armen und voller Hoffnungslosigkeit für uns alle. Im Lichte dieser individualistischen Verkürzung müssen wir die Frage der Christologie ökumenisch stellen und nach Jesus Christus »für uns heute« in unserem Lebensraum und in unserer Lebenszeit fragen.

Eine der Keunergeschichten von Bertolt Brecht lautet: »Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe. Herr K. sagte: >Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde. Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage fallen lassen. Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich sein, dass ich dir sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott.« Diese Erkenntnis trifft für Christus und unsere Beziehung zu ihm genauso zu. Wenn sich unser Verhalten nicht ändert durch unsere Beziehung zu ihm, so können wir die christologische Frage fallen lassen. Würde es sich ändern, so »brauchen« wir Christus...
 
 
 
 

Aus: 
 Gott denken. Einführung in die Theologie, München 2002,  S.137f.

 

 
 
 
 
 
Stellvertretung 

"... Alle bisher bekannten Formen der christlichen Religion setzen ein unmittelbares Verhältnis zu Gott voraus und sind daher in dem Augenblick bedroht, wo Gott als moralische, politische und naturwissenschaftliche Arbeitshypothese unnötig geworden ist. Sie werden ausgehöhlt in dem Augenblick, da Schicksalsschläge den Menschen nicht mehr naturhaft unvermittelt treffen, und von der Zeit an, da die urtümliche Erfahrung, dass der Mensch an die Mächte der Natur ausgeliefert ist, durch Medizin, Welthandel und eine mindestens der Theorie nach rationale Planung politischer Veränderungen zurückgedrängt und abgeschwächt wird. 

Die Religion wird ausgehöhlt, weil Gott in der technisierten Welt mit wachsender Geschwindigkeit Terrain verliert. Es entsteht der Eindruck, als sei Gott arbeitslos geworden, weil ihm die Gesellschaft einen Lebensbereich nach dem andern abnimmt. Man kann sagen, dass im Zuge der westeuropäischen Aufklärung die Selbstverständlichkeit Gottes für die ganze Welt zerstört wird. Unmöglich geworden ist der naive Theismus, das unmittelbare kindliche Verhältnis zum Vater droben überm Sternenzelt, unmöglich auch die unmittelbare religiöse Gewissheit, was freilich nicht dazu verführen sollte, vom Ende der Religion überhaupt zu sprechen. Jede metaphysische "Setzung" Gottes, die das "größte neuere Ereignis: dass Gott tot ist" (Nietzsche) nicht bemerkt, weil sie sich simpel darauf beruft, dass Gott lebendig sei, bleibt der Privatheit bestimmter religiöser Anlagen oder  Erfahrungen verhaftet. 

Erst in dieser Lage des Bewusstseins im nachtheistischen Zeitalter kann der Gedanke, dass Christus den abwesenden Gott bei uns vertritt, sein Gewicht gewinnen. Erst wenn die Selbstverständlichkeit Gottes dahin ist, leuchtet das Wunder Jesu von Nazareth auf: dass ein Mensch Gott für andere in Anspruch nimmt, indem er ihn vertritt. Die Herausforderung, die der Tod Gottes darstellt, kann auf zwei verschiedene Weisen beantwortet werden, ähnlich wie andere Verluste, die wir erfahren: entweder man nimmt Gottes Abwesenheit als seinen Tod und sucht oder schafft sich Ersatz, oder aber man nimmt seine Abwesenheit als eine Möglichkeit seines Seins-für-uns. Unbesetzt bleibt die Rolle Gottes in keinem Falle. Es ist evident, wie die Gesellschaft mittels ihrer Rationalität und Lebenstechnik im weitesten Sinn des Wortes hervorragende Funktionen des früheren Gottes übernommen hat und wie sie durchaus in der Lage ist, diese einst von Gott getragenen Funktionen zu erfüllen, vermutlich in einigen Bereichen, wie Welterklärung, Krankenheilung, Katastrophenschutz, eher besser als der so oft vergeblich angeflehte Gott von einst. Ebenso evident ist aber die Lückenhaftigkeit des Gottesersatzes, den die Gesellschaft bietet. Sie vermag ein immer wieder neu überschießendes religiöses Bedürfnis, das nach Sinn und Wahrheit des Lebens, nach Identität der Person und nach dem Reich dieser Identität fragt, nicht zu befriedigen. Diese bleibende Fraglichkeit einer absurden Situation zwischen Sinnlosigkeit und Sinnverlangen nötigt uns zu der Inkonsequenz: dass Gott vertreten werden muss. 

Die Abwesenheit Gottes kann verstanden werden als eine Weise seines Seins-für-uns. In diesem Fall ist man darauf angewiesen, dass einer den unersetzlichen Gott vertritt. Damit verschiebt sich Nietzsches Aussage, dass Gott tot sei, zu einem "Gott muss vertreten werden" - ein Gedanke übrigens, der Nietzsche, der von den "Häutungen Gottes" zu reden weiß, nicht so fern liegt. Gott muß vertreten werden heißt: Gott ist - jetzt - nicht da. Es klingt unseren, den naiven Anthropomorphismen entwöhnten Ohren einigermaßen anstößig, wenn wir von Gott sagen, dass er krank, verreist oder unfähig sei. Aber so absurd ist solche Rede nicht, weil sie, ähnlich wie Bubers Ausdruck von der "Gottesfinsternis", die Herausforderung annimmt, die darin liegt, dass Gott jetzt, in dieser Weltzeit, nicht gegenwärtig und unmittelbar zu erfahren ist. 

Christus vertritt den abwesenden Gott, solange dieser sich nicht bei uns sehen lässt. Vorläufig steht er für Gott ein, und zwar für den Gott, der sich nicht mehr unmittelbar gibt und uns vor sein Angesicht stellt, wie es die religiöse Erfahrung früherer Zeiten als erlebt bezeugt. Christus hält diesem jetzt abwesenden Gott seine Stelle bei uns offen. Denn ohne Christus müssten wir dem Gott, der sich nicht zeigt und der uns verlassen hat, "kündigen", wir hätten keinen Grund, weiter auf ihn zu warten oder ihn nicht für tot zu erklären. Wir könnten unser Einverständnis aussprechen, Ersetzbare zu sein, wir könnten uns nach Analogie von Maschinenteilchen in der Gesamtstruktur der Gesellschaft verstehen. Wenn in Christus nicht das Bewusstsein der unteilbaren Freiheit aller aufgegangen wäre - und Freiheit ist der neutestamentliche Name für Identität -, so könnte die Frage nach der Identität verstummen, die der Stellvertreter Gottes doch so gestellt hat, dass sie nun nicht mehr überhört werden kann. Weil Christus eine neue Art dazusein in der Welt aufgebracht hat, darum kann Hoffnung nicht mehr aufgegeben werden - die Stellvertretung Christi ist ihre transzendentale Ermöglichung..." 
 

D. Sölle, Stellvertretung, Stuttgart 1965, S.135 ff.



 
 


 
 

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